|
Ein
paar Worte zum Anfang
Objektiv
betrachtet bin ich heute sicher eine Frau, die sich
nicht mehr von anderen Menschen unterscheidet, als dies
bei Individuen üblich ist.
Ich bin ein Mensch, der von anderen Personen als eher
fröhlich, ruhig, ausgeglichen und vielleicht etwas nachdenklich
beschrieben und empfunden wird, aber auch als sehr distanziert,
verschlossen, skeptisch, misstrauisch, zielstrebig und
ehrgeizig. Ich habe mit 18 Jahren die Schule abgeschlossen,
danach mehrere Berufsausbildungen absolviert und arbeite
nun in einem von diesen. Objektiv betrachtet bin ich
also ein Mensch, der scheinbar mitten im Leben steht.
Aus meiner subjektiven Sicht bin ich jedoch ein sehr
unsicherer Mensch mit sehr wenig Selbstvertrauen und
Selbstwertgefühl. Ein Mensch, der unsichtbare Wunden
in sich trägt, von denen ich persönlich oft denke, dass
sie niemals heilen werden.
Ich habe viele Jahre sehr gewalttätigen sexuellen Missbrauch
und Vergewaltigungen durch verschiedene Täter erfahren,
wurde zur Herstellung von kinderpornographischen Materialien
benutzt und missbraucht, körperlich gequält, gedemütigt
und misshandelt und habe nun, beginnend mit einem Strafverfahren
gegen zunächst einen der Täter und mit therapeutischer
Hilfe begonnen, die vergangenen Jahre aufzuarbeiten.
Manch einen Leser wird mein Bericht mit seinen Schilderungen
vielleicht erschüttern, was dann vielleicht verschiedene
Ursachen hat. Zum einen liegt es dann möglicherweise
daran, dass jegliche (sexuelle) Gewalt gegen-, und (sexueller)
Missbrauch von wehrlosen und körperlich ausgelieferten
Kindern, bei vielen im hohen Maße moralische Empörung
und menschliches Mitleid auslöst; zum anderen aber vielleicht
auch daran, dass es Straftaten sind, die durch die sexualisierte
Form nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei prinzipiell
unbeteiligten Dritten, einen ganz intimen und empfindsamen
Bereich betreffen, von dem man sich selber sicher nur
schwerer distanzieren kann und den man in unserer Gesellschaft
regelmäßig nicht in einer solchen Form offenbart, wie
ich es hier nun tue.
Ich berichte in diesem Text in Ausschnitten über die
Geschehnisse, meine Erlebnisse. Ich schreibe über den
Missbrauch und über meine ganz subjektive Wahrnehmung
in Bezug auf die Handlungen an und mit mir, in Bezug
auf den/die Täter meine „Beziehung„ zu ihnen und darüber,
wie ich als Opfer und Zeuge in einem Strafverfahren
die Rechtsprechung und Strafverfolgung empfunden habe.
Ich möchte mit diesem Text kein Mitleid rühren, aber
auch nicht schonen. Ich möchte anderen Menschen glaubhaft
machen, welcher unglaublichen Grausamkeit manche Jungen
und Mädchen aller Gesellschaftsschichten, hinter manch
verschlossener Tür täglich ausgeliefert sind. Ich möchte
verdeutlichen, dass solche Taten in der Regel eine eigene,
sehr grausame Dynamik entwickeln, die in manchen Fällen
weder für die Täter, noch für die Opfer kontrollierbar
ist. Ich möchte einen Einblick geben in die Situation
eines Opfers, das zwischen dem staatlichen Bestreben,
durch entsprechende Bestrafung der Täter dem zugefügten
Leid Rechnung zu tragen, um dadurch nach seinen Möglichkeiten
die Rechtsordnung wieder herzustellen und dem Norm und
Wertesystem der Gesellschaft gerecht zu werden, und
zwischen seinen individuellen Bedürfnissen und den Folgen
der Tat, alleine die Balance und einen Weg finden muss,
um das Erlebte zu verarbeiten und um zu Lernen, mit
den Erinnerungen Leben zu können.
Der
körperliche Missbrauch und seine Dynamik
Ich
bin sehr früh von meiner Familie getrennt worden und
in einer kinderlosen Pflegefamilie untergekommen. Den
Grund hierfür möchte ich an dieser Stelle nicht eingehend
vertiefen, da er für das, was im folgenden Inhalt dieses
Textes werden soll, nur sekundäre Bedeutung hat.
Meine Pflegeeltern, waren nach außen unscheinbare Menschen.
Ordentlich, freundlich und unauffällig etwas zurückgezogen
lebend. Wenn ich sie aus meiner heutigen Sicht betrachte,
führten sie eine sonderbare Beziehung, wenn man es überhaupt
eine „Beziehung„ im partnerschaftlichen Sinne nennen
konnte. Sie waren sehr distanziert zu einander, eher
sachlich, und wenn sie sich mal näher kamen, stritten
sie sehr viel. Zwischen ihnen war aus meiner kindlichen
Sicht weder Nähe, noch Zärtlichkeit, was mich jedoch
damals nicht wunderte, da ich solches von „zu Hause„
auch nicht kannte.
Meine Pflegemutter war viel, bzw. meistens außer Haus,
da sie in einer Jugendeinrichtung arbeitete, in der
sie als Betreuerin im Grunde 24 Stunden mit den Kindern/Jugendlichen
zusammenlebte. Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke
muss ich - wie bereits angesprochen- feststellen, dass
der Missbrauch eine gewisse eigene Dynamik hatte, dass
er sich steigerte und von mal zu mal, von Monat zu Monat
grausamer wurde und immer andere, perversere „Qualitäten„
annahm; er/sie brauchten scheinbar immer mehr für ihren
Kick.
Die ersten Übergriffe von Seiten meines Pflegevaters
waren zunächst überwiegend von rein körperlicher und
seelischer Gewalt geprägt und er schien Gefallen daran
zu finden das Machtgefälle zwischen uns auszuleben.
Ich beobachtete ihn viel, versuchte schon als Kind ihn,
seine Reaktionen und sein Verhalten zu verstehen, versuchte
zu begreifen, was „ich falsch„ machte, in der Hoffnung
mich irgendwann so verhalten zu können, dass er mir
nicht mehr weh tut. Doch da er bei jedem Versuch mich
konform zu verhalten ein anderen Grund fand, mich durch
Zufügung von Gewalt zu „bestrafen„, erschien mir bald
die völlige Unterwerfung die einzige Möglichkeit zu
sein, um zu überleben. Er schlug mich viel; mit der
Hand, der Faust, mit einem Gürtel, mit Gegenständen.
Hatten die Misshandlungen Verletzungen oder - zum Beispiel
- Nasenbluten zur Folge und beschmierte ich dadurch
mich oder andere Dinge ungewollt mit Blut, war dieses
für ihn wieder einen Grund, um weiter zu strafen. Er
sperrte mich in dunkle Räume und fand Befriedigung darin
mich zu demütigen indem er zum Beispiel immer wieder
irgendwelche Dinge auskippte oder beschmierte, ich mich
ausziehen sollte und dann mit nacktem Körper alles wieder
aufwischen, aufräumen musste. War ich fertig, kippte
er neues aus, zur Strafe, weil ich es in seinen Augen
nicht ordentlich genug aufgewischt hatte. Hatte ich
ihn verärgert, so zerrte er mich oft ins Badezimmer.
Ich musste mich ausziehen und in die Badewanne setzen
und er duschte mich solange mit einem harten Strahl
eiskalt ab, bis ich blaugefroren und meine Finger steif
vor Kälte waren; oder er band mir die Hände auf den
Rücken ließ bis zum Rand kaltes Wasser in die Badewanne
einlaufen, drückte mich dann immer wieder unter Wasser
und erfreute sich an meiner Angst. Ich sollte mich nackt
in die Ecke des Wohnzimmers stellen und er starrte mich
einfach an, machte sich über mich lustig. Ich schämte
mich einfach nur. Er lies mich in einem kleinen Vorratsraum
stundenlang auf Erbsen Knien und ich sollte immer wieder
vor mich hin sagen : „ich bin eine kleine dreckige Schlampe
und habe es nicht anders verdient„ oder: „ich bin genau
so blöd, wie ich aussehe„ usw. Ganz „aus versehen„ drückte
er dann manchmal seine Zigarette auf meinen Rücken aus,
betonend, dass er mir nur ersparen wollte den Boden
noch einmal von neuem wischen zu müssen, und dass er
sie aus diesem Grund nicht dort austreten würde. Solche
Stunden wurden zur Qual.
Varianten der Demütigungen hatte er viele, diese alle
aufzuführen würde den Rahmen sprengen. Er tat es nicht
jeden Tag, es gab auch durchaus Tage an denen er mich
in ruhe lies. Ja, es gab zu beginn unserer Zeit sogar
auch Tage, da verstanden wir uns „recht gut„, Tage an
denen ich mir sogar zum Beispiel wünschen durfte, was
ich zum Abendessen möchte oder an denen er mit mir ein
Eis essen ging, an denen er mir ein kleines Geschenk
mitbrachte. Die „Beziehung„ zwischen uns war jedoch
auch an solchen Tagen sehr angespannt und sehr von dem
Gefühl der Abhängigkeit geprägt, da ich ihm für alles,
auch für Selbstverständlichkeiten, ein hohes Maß an
Dankbarkeit entgegen bringen musste, um ihm keinen Grund
zu geben, mich für meine „Undankbarkeit„ zu strafen.
Schwierig war für mich jedoch herauszufinden, welche
Geste der Dankbarkeit an diesem Tage nun die richtige
war, denn auch das variierte stark. Innerhalb von Momenten
schien er sein Gesicht, sein Wesen zu verändern. Es
war für mich unberechenbar und nicht, bzw. oft nur schwer
einzuschätzen, wann er wütend wurde, da es manchmal
von einem Augenblick auf den anderen geschah, woran
ich mir damals als Kind dann selber die Schuld gab.
Ich versuchte zu verstehen, was ich an Tagen an denen
er „nett„ war, in seinen Augen wohl richtig gemacht
hatte, denn es musste ja einen Grund haben, dass er
an solchen Tagen keinen Anlass sah mich zu bestrafen.
Manchmal glaubte ich sogar ein Muster zu erkennen, das
sich in der Folgezeit dann aber selten bestätigte. Nur
ein Muster schien sich, zumindest in der Beziehung zwischen
uns beiden, immer wieder zu widerhohlen. Je mehr ich
ihn rührte, sodass so etwas wie „Nähe„ zwischen uns
entstand; je mehr ich „Kind„ war, mit Schwäche und Emotionen
auf seine Handlungen reagierte, je unbarmherziger wurde
er. Schaffte ich es stumm zu bleiben und mich ihm emotionslos,
wie eine Puppe zu unterwerfen, verlor er - sofern er
mit mir alleine war - scheinbar schneller die Lust an
seinen eigenen Spielen. Es dauerte nicht lange, da hatte
ich das Bild das er mir von mir vermittelte, mir spiegelte,
so verinnerlicht, dass ich selber glaubte, eine „kleine
dreckige Schlampe„ zu sein, eine niedere Existenz ohne
Rechte, ein Kind, dass es nicht anders verdient hatte.
Ich begann mich und meinen Körper selber ekelhaft zu
finden, entwickelte einen Selbsthass, der in seinem
Tun und Handeln Bestätigung fand, sodass ich irgendwann
nicht mehr wusste, wer von uns „Unrecht„ tut. Ich erinnere
mich, dass er einmal, nach einer oben kurz umschriebenen
Duscharie, vor mir im Badezimmer auf die Knie ging und
weinte. Er hielt sich die Hände vor das Gesicht und
sagte es würde ihm Leid tun, ich sei ein „feines Mädchen„,
aber ich hätte Schuld an allem, denn wenn er mich sehe,
dann könne er nicht anders, er hätte dann den Zwang
in sich mich „zerbrechen zu müssen„. Ich kauerte mich
neben ihn, fühlte mich schuldig, fühlte mich mit meinen
elf Jahren für ihn und sein Tun verantwortlich. Ich
empfand in diesem Augenblick Sympathie und Mitleid für
ihn, es tat mir Leid, dass ich ihn zu so etwas zwang
und weinte mit ihm. Ich hoffte, dass nun alles vorbei
wäre, dass er nun aufhört, mir sagt, was ich falsch
mache, mir sagt, was es an mir ist, dass ihn dazu zwingt
mich zu quälen. Letzteres weiß ich bis heute nicht,
doch wusste ich bald, dass dies alles nur der harmlose
Anfang war.
Die
Zeit der sexuellen und gewalttätigen Übergriffe.
Bald
kamen zu der körperlichen/seelischen Gewalt sexuelle
Übergriffe hinzu und er brauchte dabei immer das Gefühl
mich unterworfen zu haben. Ich musste ihn zunächst „nur„
befriedigen, meistens in Form von Oralverkehr. Oft fesselte
er mir dabei die Hände auf den Rücken oder legte mir
einen Gürtel um den Hals und befestigte meine Hände
oder Füße in einer Art und Weise an diesem, dass ich
mich selber würgte, wenn ich mich bewegte. Das Fesseln
war eine „Spielart„ von ihm, die er später in den verschiedensten
Varianten auslebte. Oder aber er befriedigte sich selber,
während er mich anderwärtig demütigte. Für mich war
dieser Übergang nahtlos und da er seine Aufforderung
zur sexuellen Befriedigung oft in Sätzen wie „nun sein
mal ein bisschen lieb zu mir„ oder „ nun verwöhne mich
mal ein bisschen„ verpackte, hatte ich zu beginn noch
das Gefühl ein Verhalten gefunden zu haben mit dem ich
ihm von der Zufügung von körperlicher Gewalt abhielt.
Er beschuldigte mich meist ihn zu provozieren, schuf
aber immer Situationen, in denen ich gar nicht anders
konnte. Zum Beispiel nahm er, wenn ich duschte meine
Kleidung aus dem Badezimmer, sodass ich nichts mehr
zum anziehen dort hatte. Ich hatte Angst, so, nur in
ein Handtuch gehüllt, das Badezimmer zu verlassen, doch
irgendwann drängte er dazu und sagte dann: „du brauchst
es wohl mal wieder, wenn du in einem solchen Aufzug
durch das Haus läufst, darfst du dich nicht wundern
Kleine.„ Wenn ich für die Schule Vokabeln lernen musste,
fragte er mich manchmal ab. Für jede richtige Vokabel
bekam ich einen Strich auf meinen Zettel, für jede falsche
Antwort er. Wer am Ende am meisten Striche gesammelt
hatte, hatte gewonnen und durfte sozusagen das Abendprogramm
gestallten. Er fragte meist Vokabeln, die ich gar nicht
wissen konnte, verriet mir aber auch nie deren wahre
Bedeutung und da ich wusste, was für ein Abendprogramm
auf mich wartete, war ich nach kurzer Zeit meist so
blockiert, dass ich die einfachsten Vokabeln nicht übersetzen
konnten.
Dieses Spiel gewann ich nie, die „Abendprogramme„ gestaltete
er.
Er arbeitete sehr viel mit gezielten Schuldzuweisung,
hatte später zum Beispiel die Eigenart mich zu fragen
:„na Kleine, wie möchtest du es denn gerne?„. Er fand
gefallen daran, mir dann im Zusammenhang mit einer solchen
Frage, seine Missbrauchsphantasien zu erzählen und mir
damit Angst zu machen und ich sollte mich dann durch
Schweigen oder durch Reden für eine seiner Varianten
entscheiden. Meistens blieb ich stumm, jedoch hatte
ich dadurch konkludent gewählt und hinterher sagte er
mir dann immer wieder, dass ich selber Schuld sei, es
ja so gewollt, gewählt hätte, mir die Handlungen ja
selber ausgesucht hätte. Wieder ein Indiz dafür, dass
ich in seinen Augen eine kleine Hure war.
Ich war noch nicht 12 Jahre, als er mich das erste Mal
vergewaltigte.
Er kam nachts in mein Kinderzimmer, nur mit einem Bademantel
bekleidet. Ich hörte seine Schritte schon auf der Treppe,
stellte mich schlafend, weiß noch, dass ich nach meinen
Teddy griff und mich in meinem Bett ganz klein machte.
Er machte mich „wach„ saß in Kopfhöhe auf der Bettkante,
nahm einen Strick und fesselte meine Hände kopfüber
an das Bett und wollte dann, dass ich ihn befriedige.
Da ich gefesselt war, wusste ich jedoch nicht wie, versuchte
verzweifelt meine Hand aus der Schlaufe zu ziehen, als
er sagte: „Nagut, wenn du es nicht machst, dann muss
ich es eben selber tun„... ... Ich hatte bis zu dem
Zeitpunkt ja schon eine Menge mit ihm erlebt, aber das
war das furchtbarste, demütigenste und schmerzhafteste,
was er mir bis dahin angetan hatte. Die Tage danach,
war ich vollkommen verstört, verschreckt, verzweifelt.
Ich verstand im Grunde noch nicht wirklich, was dabei
genau mit mir passierte, wusste nur, dass es unsagbar
weh tut, mich anekelt, mich demütigt und das mehr, als
alles was er zuvor mit mir gemacht, von mir verlangt
hat. Er fand in den folgenden Jahren immer mehr Spaß
daran, mich an seinen sexuellen und gewalttätigen Phantasien
teilhaben zu lassen, mir zu erzählen, was er sich für
Spielchen vorstellt, gerne noch alles mit mir machen
würde, um mir damit Angst zu machen. Er erzählte in
seinen Phantasien auch von seiner Lust zu töten und
baute später in manche Situation, in der er oder andere
mich missbrauchten oder quälten, Sätze ein wie:„ na
süße.... weißt du, was ich jetzt gerne tun würde?...„
ja sicher wusste ich das, und ich hatte Todesangst.
In der Zeit nach der ersten Vergewaltigung versuchte
ich mich dennoch - ein letztes Mal - vermehrt gegen
ihn aufzulehnen, vorwiegend durch Ungehorsam. Ich gab
patzige Antworten oder redete gar nicht, kam nicht oder
zu spät nach Hause, schwänzte die Schule, machte bewusst
Dinge die ihn verärgerten und versuchte mich dann durch
Weglaufen oder durch Fernbleiben ihm zu entziehen. Ich
schlief dann zum Beispiel bei Freundinnen und log deren
Eltern an indem ich sagte, ich hätte ihn gefragt und
ich dürfte dies. Kurzum: ich provozierte ihn.
Warum ich das tat?
Ich weiß es nicht; ich konnte mir - zu diesem Zeitpunkt-
keine weitere Steigerung der Quälereien vorstellen.
Doch dann folgte ein Schlüsselerlebnis, dass sicher
mit dazu beigetragen hat, dass in der Folgezeit „simple„
Drohungen seinerseits ausreichten, um mich einzuschüchtern.
Ich hatte ein kleines Kätzchen geschenkt bekommen, es
war erst einige Wochen bei mir, kannte aber schon all
meine verzweifelten Gedanken. Dieses Tier wurde schnell
zu meinem einzigen Freund im Hause. Ich hatte die Anweisung
an diesem Abend um 18.oo Uhr zu Hause zu sein, doch
ich blieb weg, ging gleich nach der Schule zu einem
Mädchen aus der Nachbarschaft und schlief dort. Als
ich am nächsten Mittag nach der Schule nach Hause kam,
saß er im Wohnzimmer auf dem Sessel, meine Katze auf
dem Schoss. Er streichelte sie, sie schnurrte vor sich
hin. Er war wütend, stellte mich zur Rede. Ich sollte
mich setzen, erzählen wo ich gewesen war. Ich antwortete
ihm nicht auf seine Frage, sagte nur, er soll meine
Katze los lassen, es sein meine und ich würde nicht
zulassen, das er ihr weh tut. Er grinste zynisch, griff
von unten um den Hals des kleinen Tieres und drehte
ihr mit einen kräftigen Ruck den Hals nach hinten. Sie
sagte kein Mucks, war gleich Tod. Wie starr saß ich
auf dem Sessel; er stand auf, legte mir das tote Katzenkind
auf den Schoß. Es blutete aus Mund und Nase, war schlaff
und im Gesicht bald blutverschmiert. Er sagte: „so Süße
und von nun an wollen wir uns doch nicht mehr so oft
streiten oder?„ Diese Botschaft hatte ich verstanden
und dieser Satz wurde zwischen uns zu einem Synonym
für:„ wenn du dich nicht gefügig zeigst, bringe ich
dich um!„. An diesem Abend holte er dann, als Strafe
dafür, dass er meinetwegen die Katze töten musste, das
mit mir nach, was eigentlich Programm am Abends des
Vortage gewesen wäre.
Als ich am nächsten Tag zur Schule wollte stand im Fahrradschuppen
neben meinem Fahrrad ein offener Schuhkarton. Darin
das Kätzchen. Erst in dem Augenblick begriff ich wirklich,
was er getan hatte und ich fühlte mich schuldig, wusste,
dass ich die Schuld an ihrem Tod hatte, weil ich nicht
gehorchte und wusste, dass sie sterben musste, weil
ich sie „lieb„ gehabt hatte. Ich hatte das Gefühl, dass
die Strafe, die ich von ihm in der vergangenen Nacht
dafür bekommen hatte, nicht genug Strafe war; ich bekam
das Gefühl, dass ich nichts „gerne„ oder „lieb„ haben
durfte, dass er dieses, egal was/wer es wäre dann zerstören
würde. Ich fuhr nicht zur Schule. Legte den Karton mit
weichen Strümpfen und einem Handtuch aus, tat noch ein
kleines Kuscheltier dazu und einen Brief, indem ich
mich bei dem Kätzchen entschuldigte, ihr schrieb, dass
ich das nicht wollte, dass ich sie doch „lieb„ hatte
und fuhr mit dem toten Tier in den Wald. Ich suchte
dort einen schönen Platz und begrub sie. An diesen Ort
kehrte ich immer wieder zurück und erzählte alles was
geschah. Heute, viele Jahre danach habe ich diesen Ort
für mich widerentdeckt, spaziere des öfteren dort hin
und lasse Kummer und Ärger dort.
So lernte ich schnell, ihm und niemand anderen zu zeigen,
wenn ich etwas gerne oder sogar lieb hatte, aus Angst,
ich würde es dann verlieren oder es müsste dann leiden.
Ein ähnliches Erlebnis gab es mit einem Hasen. Diesen
Hasen bekam ich von ihm geschenkt, nicht lange nachdem
die Katze tot war. Ich schloss auch dieses Tier schnell
in mein Herz, er war so sanft, sein weiches Fell fühlte
sich für mich ganz besonders schön an, doch versuchte
ich mich nach außen so distanziert als möglich zu dem
Tier zu verhalten. Als ich eines Tages - es war Pfingsten
- aus der Schule kam, standen im Fahrradschuppen zwei
Eimer. Einer war voll Blut, darüber hing ein Tier. In
dem zweiten Eimer lag das blutverschmierte Fell. Es
dauerte eine Weile bis ich begriff, dass dieses Tier
mein Hase war, denn es sah mit dem abgezogenen Fell
nicht mehr aus wie ein solcher. Ich kauerte mich neben
den Eimer mit dem Fell und streichelte noch einmal drüber.
Ich war verzweifelt, denn ich wusste nicht, warum er
nun sterben musste, was ich wieder falsch gemacht hatte.
Beim Abendbrot erzählte er dann, wie er den Hasen geschlachtet
hatte, wie er gezappelt hat, als er ihn an den Füßen
aufhängte und ich weiß noch heute wie er sagte, dass
er gar nicht gewusst hätte, dass Hasen schreien, wenn
man ihnen das Fell abzieht. Er warf mir vor, dass ich
den Hasen ja eh nicht gemocht hätte und dass er deshalb
beschlossen habe, dass es Pfingsten Hasenbraten geben
sollte. Pfingsten gab es Hasen und er zwang mich ihn
zu essen. Ich weigerte mich zunächst, denn die Vorstellung
meinen eigenen Hasen, der aufgrund meines Verhaltens
sterben und leiden musste zu essen, konnte ich nicht
ertragen. Er sagte:„ Kleine, Du isst jetzt das Fleisch!„
und sagte, dass es Länder gäbe, in denen würden auch
ungehorsame Kinder an den Füßen aufgehängt werden. Aus
diesem Satz hörte ich wieder heraus:„ wenn Du nicht
gehorchst, bringe ich dich um!„. Ich aß ein Stück von
dem Fleisch, doch kaum hatte ich es runter geschluckt
musste ich mich übergeben, was ihn amüsierte. In der
Folgezeit sagte er mir immer wieder, dass ich es nicht
wert sei, dass man mich mögen, mich gerne haben würde,
dass ich es nicht wert sei, dass man mir vertraut, denn
der Hase hätte mich gemocht und mir vertraut und ich
hätte ihn gegessen. Auch für das Blut des Tieres hatte
er im folgenden, im Rahmen seiner perversen Spielchen,
Verwendung, doch denke ich, dass diese Erläuterung an
dieser Stelle den Rahmen sprengt.
Der
Missbrauch, der mit ihm alleine stattfand war nicht
immer in der Form gewalttätig wie ich es bisher beschrieben
habe. Manchmal reichte ihm die bloße sexuelle Befriedigung
und dann lies er mich schon in Ruhe. Er wollte auch
immer gerne, so nebenbei befriedigt werden, während
des Essens, im Auto, bei einem Spielfilm oder später
im Beisein der anderen Männer, während sie sich unterhielten,
Bier tranken und zusahen.
Es
war an einem Weihnachtsabend, als es das erste Mal zu
Übergriffen durch einen anderen Mann kam. Heute weiß
ich, dass dieser Abend sozusagen mein Casting war, dass
dieser Mann kam, um mich zu sehen und scheinbar um zu
testen, ob ich für die folgenden Filmprojekte geeignet
war. Es schneite. Ich saß in meinem Zimmer über meinen
Hausaufgaben, hörte den Weihnachtsgrüßen zu, die Menschen
übers Radio verschickten und wünschte mir so sehnlichst,
dass unerwarteter Weise ein Gruß meiner Eltern für mich
dabei wäre, einfach nur um zu wissen, dass sie mich
nicht vergessen haben, dass sie nicht böse auf mich
sind, denn diese Illusion brauchte ich. In meinen Gedanken
hatte ich sie wie heilige auf einen Sockel gehoben und
stellte mir oft vor, wie schön mein Leben mit ihnen
vielleicht hätte sein können. Ich hörte Schritte auf
der Treppe und mein Pflegevater stand mit einem fremden
Mann in der Tür und sagte nur, er habe mir Besuch mitgebracht,
jemanden, der einmal mit mir „plaudern„ wolle, ich solle
mich anständig benehmen, sonst würde er sehr böse werden.
Er lies mich dann mit diesem Mann alleine. Ich war verschreckt,
verunsichert, sah den Mann an, sah seinen Blick und
ahnte gleich was dieser wohl von mir wollte. Er kam
auf mich zu, ich sprang auf, drängte mich in die äußerste
Ecke des Raumes. Er setzte sich auf mein Bett und sagte
in einem recht freundlichen Ton: „na, komm mal her Süße,
was bist du denn so schreckhaft„. Er sagte, er habe
gehört, dass ich – mittlerweile wieder ein Kaninchen-
ein Tier hätte und ich solle ihm ein wenig davon erzählen.
Ich starrte ihn an, dann auf den Boden, schwieg und
schüttelte den Kopf. Er musterte mich, meinen Körper
und sagte er hätte gehört, was „ich„ mit meinem Pflegevater
machen würde. Er sagte, dass er ihm nicht glauben wollte,
dass ein kleines Mädchen mit 11 Jahren schon so etwas
macht, aber nun, da er mich sieht, wäre er überzeugt,
dass das wohl stimmen muss. Er schüttelte den Kopf und
redete vor sich hin, was wohl meine Eltern von mir denken
würden, würden sie das wissen. Sie würden sich für mich
schämen, wären sicher wütend auf mich und würden nichts
mehr mit mir zu tun haben wollen. Kein Mensch würde
mehr was mit mir zu tun haben wollen, denn es gäbe wohl
kaum Menschen, die sich dann nicht vor mir ekeln würden.
Er sagte:„ du weißt doch, dass es verboten ist, dass
Kinder so etwas tun oder?„ Er sagte nicht : „es ist
verboten, dass Erwachsene so etwas mit Kindern tun„,
dass sie dafür bestraft werden, sondern dass Kinder
dafür von der „Polizei„ bestraft würden, wenn sie so
etwas mit Erwachsenen tun. Ich war verzweifelt, denn
dass ich für das, was mein Pflegevater mit mir tat auch
noch von der Polizei bestraft werden würde, machte mir
in dem Moment unsagbare Angst und ich wusste nicht,
was ich tun konnte, damit mich niemand mehr bestraft.
Ich wollte das alles nicht, hatte aber viel zuviel Angst
vor den Strafen die drohten, wenn ich es nicht tat und
bekam nun Angst vor der Strafe die ich bekommen würde,
weil ich das getan hatte. Die einzige Lösung war: alles
zu ertragen und nichts und niemanden etwas zu sagen.
Es war ein Konflikt, der für mich in der Situation,
in dem Alter anders nicht lösbar war, ich war auch einfach
noch zu jung. Der Mann sagte, ich hätte einen Tintenfleck
auf der Hose und solle diese ausziehen. Ich zog meinen
Gürtel so eng zu wie es ging gucke ihn nicht mehr an,
kauerte mich in die Ecke. Ich war stur, hatte auch Angst
und schämte mich. Ich wusste nicht wohin, hatte in mir
einen Fluchtinstinkt, blieb aber wie versteinert in
der Ecke sitzen, fiel wieder in meine Mausestarre, die
mich so oft handlungsunfähig machte. Ja, dieser Zustand
glich dem Todstellreflex einer Maus, die anstatt wegzulaufen
vor der Katze sitzen bleibt und auf ihren Tod wartet,
weil sie vielleicht instinktiv schon weiß, dass das
Weglaufen eh wenig Sinn hat. So geduldig wie an jenem
ersten Abend war dieser Mann im folgenden eigentlich
nicht mehr, doch auch jetzt hatte seine Geduld ein Ende.
Er stand auf, griff mich am Arm, zog mich aufs Bett.
Ich versuchte ihn von mir wegzudrücken, schrie, sagte,
dass ich das nicht will, dass er mich in Ruhe lassen
soll, wieder weg gehen soll, sagte, dass er lügt, dass
meine Eltern mich gern hätten. Er zog mir an den Haaren
den Kopf nach hinten und sagte: „ so meine süße, und
warum wollten sie dich dann nicht mehr? wenn du noch
einmal so schreist, dann werde ich sehr ärgerlich und
dass du das nicht willst, dass wird dir keiner glauben,
man sieht dir schon an, was für ein verlogenes Kind
du bist.„ Ich hörte dass Geräusch seines Hosenreisverschlusses,
spürte seinen festen Griff in meinem Nacken, er drückte
meine Kopf runter und sagte sinngemäß: „so und zur Strafe
bist du jetzt mal etwas lieb zu mir, wir wollen uns
doch auch in Zukunft gut verstehen.„ Dieser Satz bedeutete
für mich in dem Moment genauso viel wie: „wir wollen
uns doch in Zukunft nicht mehr streiten oder?„ Es war
nur ein weiteres Synonym für:„ wenn du dich wehrst,
bring ich dich um!„
Nicht lange danach lernte ich seinen Keller kennen,
der Ort an dem später die meisten der pornographischen
Videobänder gedreht wurden.
Es war nach einer Klassenfahrt. Ich war mit meiner Schulklasse
5 Tage im Schwarzwald. In diesen 5 Tagen hatte ich mich
fast ein wenig erholt. Tagsüber konnte ich das bis dahin
erlebte auf sonderbare Weise ausblenden, konnte sogar
ein wenig fröhlich sein. Ich fühlte mich wohl dort.
Nur abends holte mich vieles wieder ein. Ich mochte
mich nicht vor den anderen Kindern um- oder ausziehen,
mochte keinen Schlafanzug anziehen, nicht mit ihnen
duschen gehen, was den anderen Kindern einen Grund gab
mich „aufzuziehen„ und was sie - wie Kinder halt sind-
meinem Klassenlehrer natürlich erzählten. Ich erinnere
mich noch, dass dieser auf dieser Reise immer wieder
versuchte mich zur Seite zu nehmen, mit mir ins Gespräch
zu kommen. Ich fühlte mich von ihm sehr beobachtet und
bedrängt und blocke vollkommen ab. Ich hatte zwar das
Gefühl, dass er mir nichts böses möchte, doch mein Misstrauen
war größer und ich hatte Angst davor, dass „auch er„
mir ansehen würde, was zu Hause geschah. Ich hatte Angst,
dass ich dann, wenn er erfahren würde was„ ich„ zu Hause
schlimmes tat, vielleicht nicht mehr in der Schule,
in meiner Klasse sein dürfte, denn die regelmäßige Gehirnwäsche
die mir suggerieren sollte, dass ich diejenige war,
die Schuld an den Übergriffen hat, trug mittlerweile
reife Früchte. Vielleicht hätte diese Reise nur ein
paar Tage länger sein müssen; vielleicht hätte ich dann,
auch heraus aus der Verzweiflung über die Hänseleien
der Klassenkammeraden versucht, ihm zu erzählen, warum
ich mich nicht ausziehen und nicht mit den anderen Kindern
duschen mochte. Diese/meine erste Chance hatte ich somit
möglicherweise vertan. Mein Pflegevater holte mich vom
Bahnhof ab. Ich stieg als letzte aus, sah wie meine
Klassenkammeraden ihren Eltern in die Arme fielen; alle
schienen glücklich wieder zu Hause zu sein. Ich sah,
dass er kurz im Gespräch mit meinem Klassenlehrer war,
als ich dazukam war das Gespräch der beiden Männer jedoch
beendet und mein Pflegevater sagte, er würde sich mir
ihm in Verbindung setzen. Er war sehr nett zu mir. Sagte,
er habe mich vermisst und verlangte von mir, dass ich
gleiches erwidere. Er nahm mir die Tasche ab, fragte
mich, wie die Klassenreise war. Ich sagte nur: „es war
gut.„ Und ging neben ihm her zum Auto. Im Auto fragte
er mich, was ich denn schon wieder angestellt hätte,
warum mein Klassenlehrer mit ihm ein Gespräch wolle,
meinte dann aber, dass das ja nicht schlimmer sein könnte
als das, was ich sonst so anstelle.
Er fuhr mit mir nicht gleich nach Hause, hielt vor einem
Haus, nicht weit vom Bahnhof. Er fuhr auf das Grundstück,
es war ein großes Haus mit einem großen Garten, die
Auffahrt endete abschüssig in einer Garage auf Kellerebene.
Er hatte für das Garagentor scheinbar einen Automatikschalten,
denn hinter uns ging es zu. Er sah mich einen Moment
an, nicht böse sondern fast ein wenig freundlich und
nachdenklich und sagte dann: „na Kleine, dann wollen
wir mal„ und forderte mich auf auszusteigen. Ich blieb
sitzen, wollte nicht aussteigen, wollte einfach nur
nach Hause und alleine sein. Er packte mich mit festem
Griff am Arm, sagte: „du steigst jetzt hier aus! oder
wollen wir uns am ersten Abend gleich wieder streiten?„
Dieses war wieder einer der Momente indem er - aus meiner
kindlichen Sicht - innerhalb eines kurzen Augenblickes
sein Wesen veränderte. Er schob mich vor sich her, es
war dämmriges Licht. Wir gingen durch eine schwere metallene
Kellertür, gingen durch einen dunklen Keller eine Treppe
hinauf, gelangten in den Wohnbereich des Hauses und
gingen zielstrebig in das Wohnzimmer. Als ich sah, wer
hier wohnte stieg meine Angst ins unermessliche; es
war der Mann der mich nicht lange zuvor in meinem Zimmer
„besuchte„. Er war freundlich, begrüßte meinen Pflegevater
sah mich aber nicht richtig an, sagte nur im Vorbeigehen:
„Na Süße, das ist aber schön, dass du mich nun auch
mal hier besuchst.„ Ich sollte mich auf das Wohnzimmersofa
setzen, saß dann dort wie versteinert, ich weiß nicht
wie lange. Ich starrte auf den Boden und zählte immer
wieder vom neuen die Fransen an der Teppichkante. Mal
in Einer-, mal in Zweier-, mal in Dreierschritten. Die
Männer unterhielten sich, tranken Bier, nahmen wenig
Notiz von mir. Ich hörte nicht zu, dachte, je leiser
und unauffälliger ich bin, um so weniger nehmen sie
mich wahr, um so weniger würde ich sie verärgern, um
so weniger könnte ich etwas falsch machen, um so weniger
würden sie mir vielleicht was antun. Ich konnte die
Situation überhaupt nicht einordnen, diese war neu für
mich, ein fremdes Haus, dieser Mann. Der Hausherr sprach
mich irgendwann an: „Na Süße? Es ist langweilig für
dich hier oder?„. Ich schüttelte den Kopf, sagte nichts.
Sie schickten mich runter in den Keller. Wenn ich sonst
schon zu nichts anständigen zu gebrauchen wäre, sollte
nun wenigsten ein paar Getränke nach oben hohlen. Er
erklärte mir in welchem Raum im Keller die Getränke
wären, aber ich solle mich beeilen, denn er würde trödelnde
Kinder hassen und grinste.
Ich ging in den Kellerraum den er beschrieb, konnte
jedoch den Lichtschalter nicht finden, denn dieser war
- entgegen seinen Angaben - außerhalb des Raumes. Ich
suchte im Dunklen nach den Getränkekisten, konnte aber
solche ebenfalls nicht entdecken, weil dort auch keine
waren. Auf einmal ging das Licht an. Die beiden Männer
standen in der Tür. Es war kein Getränkekeller, es war
ein großer Raum. Ein Raum der später viele Gesichter
hatte, der an diesem Abend aber eher aussah wie ein
Wäschekeller. Es standen Wäscheständer herum, Wäschekörbe.
An der Wand lagen übereinandergelegte Matratzen, in
der Ecke ein Sessel und Klappstühle; ein kleines Kellerfenster
hatte dieser Raum. An der einen Wandseite hing ein großes
blaues Laken von der Decke bis zum Boden, in der Ecke
standen zwei Stative, auf dem einen war eine Kamera.
„Na Süße„ sagte der Hausherr, hab ich mir doch gedacht,
dass dir „geilen Maus„ langweilig ist.„ Mein Pflegevater
hielt sich zurück. Im beisein von speziell diesem Mann,
war er selber eher der passivere Teil, schien sich ihm
irgendwie unterzuordnen. Bei anderen Männer war das
- später - nicht so. Ich sollte mich ausziehen. Ich
war stur, tat es nicht. Ich hatte doch grade auf der
Klassenfahrt die Erfahrung gemacht, dass mich niemand
dazu zwang, wenn ich nur lange genug „bockig„ blieb.
Dem war hier nicht so. Dieser Mann war einfach nur grausam.
Mein Pflegevater war es nicht weniger, doch hatte dieser
manchmal auch weiche Züge an sich. Vielleicht kam mir
dies‘ aber auch nur so vor, da ich ihn schon „besser„/länger
kannte und mit ihm auch meinen Alltag verbrachte. Sie
schlugen mich, zogen mich aus, drehten mir die Arme
auf den Rücken, fesselten mir die Hände zusammen. Er
steckte mir ein Tuch in den Mund, zog mir wieder den
Kopf an den Haaren in den Nacken und sagt:„ pass mal
auf meine Kleine, wenn du jetzt mitmachst, dann passiert
dir nichts, dann haben wir drei nur ein wenig Spaß mit
einander. Machst du hier Theater, dann muss ich leider
böse werden und dann geht es dir, wie deinem armen kleinen
Kätzchen„. Ich war erschrocken, dass er die Begebenheit
mit meinem Kätzchen wusste. Ich rührte mich nicht mehr,
lag wie versteinert auf dem Bauch auf dieser Matratze
und starrte die Wäschekörbe an, versuchte mich abzulenken,
überlegte kurz, wer wohl die ganze Wäsche dort zusammenlegen
musste. An diesem Abend wurde – so glaube ich - noch
nicht gefilmt, zumindest hatte keiner die Kamera in
der Hand. Sie vergewaltigten mich in allen nur denkbaren
Variationen, wie lange es dauerte, ich weiß es nicht.
Mit dem Tuch im Mund bekam ich kaum Luft, ich hatte
einfach nur schmerzen, bis das passierte, was ich später
in bestimmten Situationen nahezu in Perfektion beherrschte,
was mir heute manchmal auch noch „passiert„, worunter
ich heute sehr leide, was mir damals aber das Leben
leichter machte. Ich schaltete in einer Art und Weise
ab, dass ich manches mal wie „neben mir„ stand, mein
Körper war dann taub, ich spürte die Berührungen, die
Schläge nur noch ganz dumpf, so als wäre ich in Watte
gewickelt, oder ich spürte gar nichts mehr, war dann
nicht mehr „bei mir„, nicht mehr „dabei„. Manchmal hatte
ich nach diesen Zuständen auch richtige Erinnerungslücken.
Zu Anfang „passierte„ es mir oft in Situationen, die
für mich durch Angst oder Schmerzen nahezu unaushaltbar
waren, dieser Zustand stellte sich dann einfach ein.
Auch wenn es sich sonderbar anhört, so konnte ich jedoch
später diesen Zustand selber hervorrufen, indem ich
etwas anstarrte und mich ganz feste drauf konzentrierte.
Anstarren, durchstarren und „weg„. Ich konnte das Hervorrufen
dieses Zustandes manchmal in gewisser Weise steuern,
nur konnte ich ihn nicht aus eigener Kraft beenden.
Irgendwann war es dann einfach zuende, irgendwann kam
ich dann wieder richtig zu mir und spürte dann auch
wieder die Schmerzen. Schwierig war dieses Abschalten
für mich nur, wenn sie mir dabei die Augen verbanden,
dann gelang mir dies nicht, oder nur selten, da ich
nichts sehen konnte und vielleicht aus diesem Grunde
von meinen Sinnen her zu sehr auf die Täter gerichtet
war.
Als ich an diesem Abend wieder richtig zu mir kam, waren
die Männer nicht mehr in dem Raum. Ich lag noch auf
den Matratzen, nackt, die Hände noch zusammengebunden,
das Tuch hatten sie mir aus dem Mund genommen. Ich hatte
Nasenbluten, es war alles voller Blut, mir tat alles
weh, mir war kalt, ich war vollkommen kraftlos, erschöpft
und verzweifelt, weinte in mich hinein, ganz leise,
damit mich niemand hört.
Irgendwann am frühen Morgen kam der Mann zu mir, löste
die Fesseln, ich war durchgefroren, steif, vollkommen
verängstigt, erschöpft. Er nahm mich am Arm, zog mich
aus dem Raum. Zwei Räume weiter war ein kleines Badezimmer.
Ich sollte mich duschen und anziehen, was ich auch tat,
doch bekam ich den Ekel den ich empfand und ihren Geruch
von Schweiß, Aftershave und Sperma nicht abgewaschen.
Da er nicht sage, was ich nach dem Duschen machen sollte,
blieb ich einfach in dem kleinen Badezimmer sitzen und
zählte die Fliesen an der wand. Immer und immer wieder.
Ich versuchte noch nicht einmal die Tür zu öffnen, sie
war nicht verschlossen. Vielleicht hätte ich sogar aus
dem Raum, aus dem Keller weglaufen können. Aber wohin?
So blieb ich sitzen, bis er mich abholte, mit nach oben
nahm, mir was zu essen gab. Dann fuhren wir endlich
nach Hause.
In
diesen Kellerräumen spielte sich in Bezug auf die pornografischen
Aufnahmen in den folgenden Jahren das Hauptgeschehen
ab, weitere Einzelheiten sind -denke ich- nicht wirklich
wichtig und sprengen in ihrer Vielfalt den Rahmen. Hier
wurde gefilmt, vergewaltigt, gefesselt, sadistisch-
und filmgerecht gequält. Es waren nicht immer die gleichen
Männer, die mich dort vergewaltigt haben, aber es waren
meisten mehrere, zumindest immer zwei. Manchmal hatte
ich das Gefühl, als sollten die Filme, wie auf Bestellung
in einer ganz bestimmten Art und Weise sein, manchmal
ließen sie sich einfach nur gehen und hatten scheinbar
Spaß dabei es zu filmen. Mal hatten sie „ihren Spaß„
nacheinander, mal gleichzeitig, Variationen gab es -
wie gesagt - viele. Manchmal verbanden sie mir dabei
die Augen, sodass ich die Männer nicht sehen konnte,
aber manch eine Stimme und manch ein Geruch hat sich
in mein Gedächtnis gebrannt. Jeder Mann hatte seine
Vorlieben, seine Eigenarten, seine eigene Art zu quälen.
Sie betropften mich mit Wachs, drückten Zigaretten auf
mir aus, schlugen, traten, urinierten auf mich, ließen
sich befriedigen oder vergewaltigten in allen nur denkbaren
Variationen und filmten dies. Jeder dieser Männer hatte
scheinbar seine „Rolle„, seine Stellung in de Gruppe.
Ich glaube, es führten immer die selben Regie, gaben
Anweisungen. Ich glaube es waren auch immer die selben,
die sich in einer bestimmten Art und Weise an mir abreagierten,
die Täter schienen untereinander irgendwie eine Hierarchie
zu haben. Mein Pflegevater geilte sich zu Hause oft
an diesen Filmen auf und zwang mich sie mit anzusehen.
Er setzte mir einen Kopfhörer auf und drehte den Ton
so laut, dass mir das Stöhnen der Männer im Schädel
dröhnte. Dies alles sehen und hören zu müssen war ganz
furchtbar für mich, denn meine Wahrnehmung, meine Sicht
der Dinge, der Situationen war schon schlimm genug,
aber eine andere, als deren Sicht der Dinge, die die
Bänder wiedergaben. Heute weiß ich, dass ich nicht das
einzige Kind war, dass in diesem Keller gelitten hat,
damals wusste ich das nicht. Ich glaube, ich selber
war immer nur alleine dort, kann es aber nicht mit Sicherheit
sagen.
Rein objektiv betrachtet war es nicht immer gleich „schlimm„,
es gab auch durchaus Tage und Filmsequenzen bei denen
es nicht zu sexuellen oder gewalttätigen Übergriffen
kam, doch subjektiv waren manche Situationen trotzdem
unaushaltbar.
So eines Tages, als es zu einer Filmsequenz kam, in
der dem Konsument scheinbar suggeriert werden sollte,
das Kind würde sterben. Mir sollte in Wahrheit nichts
passieren, doch wusste ich das nicht und hatte Todesangst.
In diesem Raum stand an diesem Tag eine Holztruhe. Eine
Truhe, die einer kleinen Schuhkiste glich, die in manchen
Fluren steht. Ich sollte mich ausziehen und in diese
Kiste legen. Ich wehrte mich. Die Angst in dieser Kiste
gefangen zu sein war einfach in diesem Moment größer,
als die Angst vor den Männern. Der Hausherr schlug mich,
schüttelte mich und schrie mich an: „leg dich in diese
Kiste oder ich bring dich um!„ Es war einer der Moment
in den ich abschloss, in denen ich mir sagte: „wenn
du das geschafft hast, dann ist es endlich vorbei, dann
bist du endlich tot, dann hört das alles endlich auf„.
Ich legte mich in diese Kiste, sie war enger als ein
Sarg, die Kamera lief. Auch wenn es sich möglicherweise
etwas überspitzt anhört, aber ungefähr so stelle ich
mir das Gefühl vor, dass vielleicht Strafgefangene haben,
die die Todesstrafe erwartet und die auf dem Weg zur
Hinrichtung ihren letzten Gang durch die Gefängnisflure
antreten. Auch sie haben sicher mit dem Leben abgeschlossen
und erhoffen sich in dem Tod ihren Frieden, manch einer
freut sich vielleicht auch auf den Zustand des „Tod-Seins„
, was jedoch sicher auch bei ihnen bleibt, ist die wahnsinnige
Angst vor dem ungewissen Vorgang des Sterbens an sich.
Ich lag in der Kiste, der Deckel ging zu und ich hörte
wie mein Pflegevater sagte: „du dreckige kleine Schlampe,
niemand wird dich vermissen„. Es hämmerte auf dieser
Kiste, es hörte sich an, als würden sie diese zunageln,
was nicht so war. Es war nur für den Film, eine Endszene,
die den Phantasien der Konsumenten vielleicht freien
Lauf lassen sollte und die die Fortsetzung ahnen lies,
dass diese Konsumenten irgendwann real sehen möchten,
wie ein Kind umgebracht wird, was - meiner Meinung nach
- sicher nur eine Frage des Geldes ist. Die Luft wurde
knapp, ich hatte Todesangst, fing an zu schreien, bis
der Deckel aufging. Ich war geblendet vom Licht, er
zog an den Haaren meinen Kopf in den Nacken und schrie
mich an:„ halt den Mund, sonst bring ich dich wirklich
um!„ Also: die ganze Prozedur noch einmal. Ich blieb
liegen, der Deckel schloss sich und wieder hörte ich
wie er sagte: „du dreckige kleine Schlampe, niemand
wird dich vermissen„. Wieder hämmerte es und ich versuchte
vor lauter Angst so ruhig zu bleiben, wie es nur ging
und flüsterte für mich vor mich hin: „du lügst, mein
Kaninchen wird mich vermissen und meine Schulklasse,
mein Kaninchen wird mich vermissen und auch meine Schulklasse,
du lügst.... ...„ und ich betete, dass nun endlich ganz
schnell der Tod käme. Die Kiste ging auf; sie nahmen
keine weitere Notiz von mir. Ich weiß noch, dass ich
ganz schnell dort rauskletterte, mich anzog und mich
in die Ecke des Raumes hockte und immer wieder vor mich
hinflüsterte: „du lügst, mein Kaninchen wird mich vermissen
und meine Schulklasse, mein Kaninchen wird mich vermissen
und auch meine Schulklasse, du lügst....„
An diesem Tage ließen sie mich dann in Ruhe.
Als
ich anfing mich rein körperlich weiblich zu entwickeln
wurde mein Selbsthass immer größer und ich versuchte
mich selber für diese Entwicklung zu strafen, indem
ich hungerte oder Nahrungsmittel, die ich aß wieder
ausspuckte. Jedes Gramm an meinem Körper wurde zu einem
Gramm mehr Weiblichkeit, die ich versuchte zu bekämpfen.
Ich entwickelte einen extremen Waschzwang, wäre am liebste
4 mal am Tage unter die Dusche gegangen, um all den
Ekel, den Dreck und ihren Geruch von mir abzuwaschen.
Manchmal hatte ich beim Essen ganz normalen Nahrungsmitteln
den Geschmack von Sperma auf der Zunge, sodass ich mich
postwendend übergeben musste. Meine erste, mir bewusst
und wirklich konkrete Möglichkeit Hilfe zu bekommen,
war bei meinem ersten Gang zum Gynäkologen. Als ich
mit 14 meine Regel bekam, bekam das mein Pflegevater
natürlich sehr schnell mit. Ich selber war alleine schon
mit dieser Tatsache schon überfordert, fand mich und
meinen Körper von nun an noch ekelerregender als zuvor.
Meinen unermüdlichen Kampf gegen mich selber, gegen
die Weiblichkeit hatte ich verloren. Noch nicht mal
meinen eigenen Körper konnte ich kontrollieren, war
ihm ausgeliefert, da auch er scheinbar gegen mich arbeitete.
So empfand ich damals diese, ja eigentlich normale,
pubertäre Entwicklung. Er schickte mich mit meiner Pflegemutter
zum Gynäkologen, ich sollte die Pille verschrieben bekommen.
Warum er hierfür zunächst diesen offiziellen Weg gehen
wollte ist mir heute selber ein Rätsel. Später organisierte
er solche Präparate aus anderen Quellen. Ich bekam einen
Termin in 7 oder 8 Wochen. In diesen Wochen ließen sie
mich in Ruhe; zumindest tat mir niemand Gewalt an und
ich kam fast ein klein wenig zur Ruhe. Der Gynäkologe
war ein älterer Herr kurz vor der Rente. Meine Pflegemutter
war bei dem Gespräch und der Untersuchung zunächst anwesend.
Sicher wird sich vielleicht dem einen oder anderen Leser
schon die Frage gestellt haben, was die Rolle meiner
Pflegemutter war, ob sie von dem Missbrauch nichts wusste,
oder ob es vielleicht gedeckt hat. Dies wusste ich lange
Zeit selber nicht, bis es zu Situationen kam, in denen
sie zufällig oder aus Versehen den Raum betrat, indem
sich mein Pflegevater oder einer der anderen Männer
an mir vergingen. Ich erinnere mich noch ganz genau
an eine Begebenheit, in der sie reinkam, das Geschehen
wahrnahm. Unsere Blicke kreuzten sich und ich sah sie
verzweifelt an. Doch sie ging und schloss hinter sich
die Tür. Der Gynäkologe wollte von ihr wissen, wieso
sie es für notwendig hielt, dass ich die Pille bekommen
sollte, denn normalerweise würde er das in meinem Alter
nicht verschreiben, es sei denn es bestünde eine medizinische
oder sonst ernstzunehmende Indikation. Sie erzählte
ihm (sinngemäß), dass ich sehr schwierig wäre, sie viele
Probleme mit mir hätten. Ich sei sehr schwer zu führen
und schwer erziehbar, hätte viele Kontakte mit älteren
„Jungs„, hätte mit einigen auch schon geschlafen und
ich besäße nicht die geistige Reife verantwortungsvoll
mit solchen Situationen umzugehen. So war ungefähr der
Tenor des Gespräches, ich sagte dazu nichts, schämte
mich für alles was sie sagte maßlos, wollte nur weg
und starrte zu Boden. Vor der Untersuchung hatte ich
wahnsinnige Angst, doch der Arzt war sehr ruhig, sachlich,
es war dann doch schnell vorbei und objektiv „halb so
schlimm„. Die subjektive Seite war jedoch wieder eine
andere. Der Arzt sagte dann, dass er mit mir noch einmal
alleine Reden wolle und schickte meine Pflegemutter
raus. Ich schämte mich einfach nur, war verschüchtert
und verschreckt. Er sah mich an und fragte ganz konkret
und direkt, ob das, was ihm meine Pflegemutter gesagt
hat, stimmen würde. Er sagte, dass er wüsste und gesehen
hat, dass ich schon mit „Jungs„ oder Männern Verkehr
gehabt hätte, doch er hätte nicht den Eindruck, als
sei das alles freiwillig geschehen. Er hätte das Gefühl,
dass mir irgendjemand sehr weh getan hätte. Ich war
vollkommen erschrocken, hatte in dem Moment das Gefühl
wie „ertappt„ zu sein, grade so, als hätte ich eine
Straftat begangen und man(n) sei mir auf die Schliche
gekommen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich
wollte keine Strafe, nicht von dem Arzt, nicht von meinem
Pflegevater nicht von der Polizei, ein Konflikt, der
wieder einmal unlösbar schien. Sicher hatte ich mit
zunehmenden Alter auch begriffen, dass ich eigentlich
nicht diejenige war, die Schuld hat, doch konnte ich
es in meiner Situation und bezogen auf den Missbrauch
nicht umsetzen. Die Prägung saß mittlerweile so tief,
dass ich aus diesen Mustern, von denen auch zu einem
ganz großen Teil heute noch nicht frei bin, alleine
nicht raus kam. Ich war mit der Direktheit der Konfrontation
überfordert, der Arzt und das Thema machten mir Angst.
Er sah mich an und sagte sehr ernst und bestimmt weiter,
dass das niemand dürfte, wenn ich das nicht selber wollte,
dass ich ihm das sagen könnte und müsste. Ich dachte
in dem Moment daran, dass ich immer gesagt bekam, dass
mir niemand glauben wird, dass ich das nicht wollen
würde, dass alle dann denken würden, dass ich lüge und
wer lügt, bekommt natürlich auch wieder seine Strafe
dafür. Er fragte, ob ich denn zur Zeit wirklich einen
Freund hätte und da meine Anweisung war, auf eine solche
Frage mit „ja„ zu antworten, nickte ich. Er fragte,
ob ich mit ihm zusammen nicht noch mal vorbeikommen
könnte; ich schüttelte den Kopf, fühlte mich in die
Enge getrieben, denn es gab ja gar keinen „Freund„.
Er fragte wie ich mich mit meinen Pflegeeltern verstehen
würde, ob zu Hause alles soweit ganz gut laufen würde.
Ich nickte, sagte ich wäre eigentlich glücklich dort,
hätte nur viele Probleme mit mir selber und in der Schule.
Aus diesem Grunde wäre halt immer sehr viel Streit zwischen
uns. Ich denke, er glaubte mir nicht, aber es war zunächst
o.k. für ihn. Er gab mir seine Karte, schrieb hinten
noch seine private Telefonnummer drauf und sagte, dass
ich ihn anrufen könnte, wenn ich Probleme hätte, bei
denen er mir vielleicht helfen könnte. Ich durfte gehen
und war froh dort raus zu sein, bekam die Pille verschrieben.
Heute weiß ich, dass ich dort wahrscheinlich nur an
der richtigen Stelle hätte nicken müssen und dann wäre
vielleicht alles vorbei gewesen, dann hätte er Handhabe
genug gehabt, um zum Beispiel das Jugendamt einzuschalten.
Andererseits frage ich mich heute auch, ob das, was
er so schon in der Hand hatte, nicht ausgereicht hätte,
um offizielle Schritte einzuleiten. Sich in dieser Situation
für konkretes Handeln oder Abwarten zu entscheiden,
war sicher auch für ihn nicht leicht, doch hätte ich
damals jemanden gebraucht, der den Mut gehabt hätte,
diese Entscheidung für mich zu treffen. Den ganzen Tag
habe ich mich mit dem Gedanken beschäftigt den Arzt
anzurufen oder ihm einen Brief zu schreiben. Ich war
unsicher, zweifelnd, wusste nicht, was er mit mir macht,
wenn ich ihm das alles erzählen würde, was mit mir passiert,
wenn das alles rauskommt, war jedoch dann - zunächst
- fest entschlossen ihm zu schreiben. Meine Pflegemutter
erzählte meinem Pflegevater von dem Arztbesuch und auch
davon, dass im Anschluss an die Untersuchung noch ein
Gespräch zwischen mir und dem Arzt stattgefunden hätte.
An diesem Abend holte er mich von der Reitstunde ab,
ich spürte es gleich, er war wütend. Er fuhr mit mir
an sein/unser „Plätzchen„ in dem nahegelegnen Wald,
stellte den Motor ab und fragte mich, ob ich ihm was
zu sagen hätte. Ich verneinte. Er schrie mich an, sagte
ich solle ihn nicht anlügen. Er sagte er wüsste von
diesem Gespräch und wollte nun wissen, was er mich gefragt
hätte, was dort besprochen wurde. Ich erzählte gehorsam,
was mich der Arzt fragte und was ich geantwortet hatte,
verschwieg aber, dass er mir diese Karte gegeben hat
und mir sagte, ich könne ihn anrufen. Mein Pflegevater
sagte dazu nur, dass er hoffe, dass ich ihn nicht angelogen
hätte, denn das würde er rausbekommen, denn er würde
den Arzt kennen. Er fragte: „Oder hast du ihm ein geblasen,
damit er dir die Pille verschreibt?„ und lachte schließlich.
Er sagte: „Was meinst du, warum dieser Mann Frauenarzt
geworden ist und junge Mädchen untersucht? Weil es ihn
geil macht, weil er auf junge Mädchen steht und es in
anturnt, wenn sie breitbeinig vor ihm auf diesem Stuhl
sitzen!„ Seine Worte widerten mich an. Meine Zweifel
mich an diese Mann zu wenden schlugen um in Misstrauen
und Ekel. Ich versicherte ihm nur noch, dass ich nichts
mit dem Mann gemacht hätte und da auch nie wieder hin
möchte, starrte vor mich in den Fußraum des Wagens und
war verzweifelt. An diesem Abend lies er mich auch in
Ruhe, was ich als Belohnung empfand, Belohnung dafür,
dass ich meinen geheimen „Plan„ den Arzt einzuweihen,
verworfen hatte. Zu Hause angekommen, zerriss ich die
Visitenkarte und war auch ein bisschen erleichtert,
denn der Konflikt war für mich zu diesem Zeitpunkt immer
noch nicht lösbar.
In
den folgenden Monaten zog ich mich immer mehr zurück,
wurde immer stiller, introvertierter, litt unter extremen
Asthma, hatte Phasen in denen ich extrem hungerte oder
wahllos alles in mich reinstopfte, um dann alles was
ich zu mir genommen hatte wieder auszuspucken. Nach
dem Erbrechen hatte ich das Gefühl etwas „belastendes„
aus mir rausgespuckt zu haben. Meine schulischen Leistungen
wurden schlecht, Lehrer wurden aufmerksam; insbesondere
mein Kunstlehrer, der mich und mein Verhalten scheinbar
schon länger beobachtet hatte, stolperte über meine
Bilder in denen ich viel von dem Erlebten verarbeitet
hatte; wie auch mein Deutschlehrer, der mich auf Gedichte
und Texte von mir ansprach. Wie zuvor der Gynäkologe
war auch mein Kunstlehrer nach mehreren Versuchen der
Annäherung sehr konkret. Ich sollte nach der Stunde
dort bleiben, er wollte mit mir reden. Er frage mich,
wie es mir ginge; ich erwiderte: „gut„. Er sagte, dass
er mir das nicht glauben würde, fragte, warum ich auch
im Sommer immer lange Hosen und langärmlige Sachen trage
und fragte mich dann auch ganz konkret, ob mir zu Hause
oder irgendwo anders irgendjemand Gewalt antut, denn
er würde mir nicht glauben, dass ich bei jedem blauen
Fleck den ich hätte wirklich immer vom irgendeinem Pferd
gefallen sei. Ich hätte auch hier sicher nur nicken
brauchen, blickte jedoch zu Boden und schüttelte den
Kopf. Er sagte mir, dass er mir das nicht glaubt. Dieser
Satz des „ich glaube dir nicht„, verunsicherte mich
und ich verstand es nicht als ein „auf mich zugehen„,
indem er mir den Weg bahnte nur durch wenige Worte oder
durch nonverbale Gestik sagen zu können, dass ich missbraucht
werde, sondern empfand es als Bedrohung, Bedrängung
und hatte Angst, dass er mir dann die Wahrheit ebenfalls
nicht glauben würde. Ich war damals so in diesem Muster
gefangen, dass ich diese Prägung alleine nicht ablegen
konnte. Ich sagte ihm daraufhin das selbe wie einige
Monate zuvor dem Frauenarzt, gab an einfach durcheinander
zu sein und mit mir nicht gut klar zu kommen und dass
zu Hause einfach viel Streit wäre. Er war freundlich
und fragte mich dann, ob es vielleicht in der Schule
eine Lehrerin gäbe, die ich nett fände und mit der ich
über diese „Probleme„ besser reden könnte, als mit ihm
und er sagte, dass er mir gerne helfen würde, nur müsste
ich sagen was los wäre sonst seien ihm die Hände gebunden.
Eine Lehrerin, mit der ich hätte reden wollen oder können
fiel mir nicht ein. Möglicherweise lag das auch daran,
dass ich zu diesem Zeitpunkt mit dem Wesen „Frau„ noch
weniger anfangen konnte, als mit Männern, da ich mich
bis dahin mit Frauen sehr wenig auseinandergesetzt hatte.
Mit meiner wahren Mutter hatte ich auch zum Zeitpunkt
des familiären Zusammenlebens wenig Berührungspunkte,
da ich eine kranke Schwester hatte und wir Kinder zu
Hause so „aufgeteilt„ waren, dass sich meine Mutter
überwiegend um meine Schwester kümmerte und mein Vater
sich um mich.
In der Folgezeit versuchte ich mich in der Schule sehr
konform und angepasst zu verhalten, versuchte bewusst
in meine Bilder und Texte das einzuarbeiten, was ich
dachte, was einen „guten Eindruck„ macht, was meine
wahren Gedanken nicht verriet, jedoch verlor ich durch
dieses Verhalten auch eine der wenigen Möglichkeiten
mich auszudrücken, Druck abzubauen und dadurch einen
Weg, ein wenig von dem, was ich zu Hause erlebte, irgendwie
– zumindest in Ansätzen - zu verarbeiten.
Ich
begann mich selber zu verletzen, schnitt mir mit Rasierklingen
selber in die Beine, weil ich nicht wusste, wie ich
den inneren Druck, meinen Selbsthass und die Autoaggressionen
anders umsetzen und abbauen konnte. Ich stand unter
Dauerstress, kam niemals zur Ruhe. Dieses Taubheits-/Wattegefühl,
das sich während mancher Handlungen in meinem Körper
einstellte dauerte manchmal nach den Taten noch über
Stunden/Tage an. Wenn ich meine Haut dann selbst berührte,
fühlte sie sich an wie Watte, ich hatte kein wirkliches
Körperempfinden mehr und wenn ich eines hatte, dann
war es Ekel. Vielleicht verletzte ich mich aber auch
selber, um gehört zu werden, ein stummer Hilfeschrei;
vielleicht tat ich dies aber auch nur, um mich selber
für das zu strafen, was „ich„ mit den Männern machte,
auch wenn ich immer noch nicht wusste, was es eigentlich
an mir war, dass sie dazu zwang dies mit mir zu tun.
Sonderbarer Weise machte ich mir nie klar, dass es für
mich überhaupt keine Möglichkeit gab mich anders oder
„konform„ zu verhalten. Ich glaube ich brauchte diese
Selbstanschuldigungen auch, um noch die Chance, eines
Ausweges zu sehen, denn so bestand in meinen Gedanken
potentiell die Möglichkeit, dass sie aufhören, wenn
ich den Weg finde mich „richtig„ zu verhalten. Wenn
durch mein selbstverletzendes Verhalten Blut floss,
lies dieser Druck nach. Durch den Schmerz spürte ich
mich wieder, es wurde wie ein Zwang.
Dieser Zwang steigerte sich in eine Todessehnsucht,
die ich nicht mehr kontrollieren konnte, die mir durch
die vielen Jahre des Missbrauches in meine Seele gesät
wurde, und die auch heute noch in ganz unterschiedlicher
Intensität immer noch mal aufblüht. Ob ich diese jemals
loswerde? Ich weiß es nicht. Ich beschäftigte mich mit
dem Tod, las viele Bücher über das Leben nach diesem,
flüchtete mich in meiner Vorstellung in eine Welt, in
der mir niemand mehr weh tun würde, begann Gedichte
zu schreiben, in der ich diese Todessehnsucht in Bildersprache
ausdrücken konnte. Dieser Plan wuchs in mir, bis ich
anfing mit der Umsetzung. Ich begann ganz bewusst, überall
wo ich war, bei Freunden, Klassenkammeraden, bei mir
zu Hause, bei den Männern wahllos alles an Medikamenten
zu stehlen, die ich finden konnte. Ich ging in die Badezimmer
der Eltern meiner Freunde und klaute mir dort alles
zusammen, was aussah wie ein Medikament, las mir durch,
was auf den Beipackzetteln stand, sofern vorhanden.
Ich freute mich auf den Tag, an dem es endlich vorbei
sein sollte, bereitete alles vor. Still, leise, heimlich.
Ich versuchte mich vorher so unauffällig wie möglich
zu verhalten, damit niemand etwas merken würde.
Der Tag kam, ich trank Alkohol, schluckte alles.
Ich dachte vorher noch an meine Familie und hatte das
erste und letzte mal in meinem Leben das ganz aufrichtige
Bedürfnis zu beten. Nicht „zu bitten„, denn um Hilfe
gebeten hatten ich in meinen nächtlichen Verzweiflungen
fast täglich, sondern zu beten. Ich betete und entschuldigte
mich für alles, was ich getan oder auch nicht getan
hatte; betete, dass meine Eltern und meine Geschwister
das alles nie erfahren werden, da ich nicht wollte,
dass sie sich meiner schämen und betete dafür, dass
mein Plan gelingen würde und dass meine Freundin irgendwann
meinen Brief fände und sich um das kümmern würde, was
mir lieb geworden war. Manches mischte ich in Getränke,
manches mischte ich unter einen Jogurt, manches schluckte
ich so. Das ganze „Zeug„ in mich reinzukippen, in den
Mengen war furchtbar, aber daran, mich anwidernde Flüssigkeiten
zu schlucken, war ich ja nun auch seid Jahren gewohnt.
Ich erinnere mich noch heute an die fürchterlichen Krämpfe
die sich einstellten, ich hatte Schmerzen, mir war übel,
ich hatte das Gefühl „es„ zerreißt mich. Wie lange dieser
Zustand anhielt, kann ich nicht sagen.
„Wach" wurde ich auf der Intensivstation eines
Krankenhauses. Dort waren die Menschen sehr nett zu
mir, sahen auch die Narben und Verletzungen an meinem
Körper. Eine Frau vom jugendpsychiatrischen Notdienst
kam in den Tagen, in den ich dort war regelmäßig und
versuchte Kontakt zu mir aufzubauen. Doch ich hatte
resigniert, war voller Hass, Scham, Verunsicherung.
Ich hatte eine zerbrochene Seele, war verzweifelt, misstrauisch
gegen jeden. Ich stellte mich stur, redete nur das nötigste.
Diese unsagbare Sturheit, hat mir sicher geholfen diese
ganze Zeit irgendwie zu überstehen, jedoch stand sie
mir genauso oft im Weg. Mir kam in dem Moment gar nicht
der Gedanke alles zu erzählen, sah in jedem, der mich
auf das Thema ansprach oder der auch nur versuchte sich
mir zu nähern und sei es nur in Form eines Gespräches,
einen potentiellen Feind.
Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus wurde ich in die
Psychiatrie eingeliefert, in der ich einige Zeit verbrachte
und das gesamte Personal -scheinbar- vor Rätsel stellte.
Ich hatte in meinem Leben gelernt „stark„ zu sein und
vieles auszuhalten. Darin hatte ich Ausdauer. Ich hatte
den längeren Atem, wenn es darum ging, tagelang nicht
zu reden oder das Essen zu verweigern, auf dem Fußboden
zu schlafen oder einfach nur in einer Ecke zu sitzen
und alles ignorierend vor mich hinzustarren. Ich stellte
mich lange stur, war für niemanden zugänglich. Versuche
„Therapiegespräche„ zu führen, verliefen sehr einseitig,
da ich es aushielt die ganze Stunde dort zu sitzen und
nichts zu sagen. Ich verbrachte Tage in einem kleinen
Sessel in meiner Zimmerecke, war in mich gekehrt und
einfach nur froh, dass ich dort sitzen konnte ohne von
jemanden angefasst zu werden. Das einzige, was ich tat
und womit ich sicher auch versuchte meinen eigenen Sturkopf
zu durchbrechen und mich nach außen hin mitzuteilen,
war zu Malen und Gedichte zu schreiben. Ich beobachte
sehr genau die Reaktion derer, die sich meine „Werke„
ansahen und fand so einen Weg der Kommunikation, bei
dem ich eigentlich gar nichts sagte und auch niemanden
anschuldigte. Sonstige verbale Annäherungen und die
Versuche mich zu irgendetwas anderem zu bewegen, endeten
dort bei der körperlichen Intimsphäre. Niemand berührte
mich, zwang mich durch Gewalt zu etwas, diese Erfahrung
war neu für mich und ich genoss es die Macht und die
Kontrolle darüber zu haben, andere an mich ran zu lassen
oder nicht. Es wurde wie zu einem kleinen Spiel für
mich.
In
der Folgezeit ging dann alles etwas „drunter und drüber„
und das nicht zuletzt deswegen, da meine wahren Eltern
von meinem Zustand erfuhren und es so wieder zum Kontakt
kam, zumindest kurzzeitig. In der Psychiatrie hatten
die Ärzte und Psychologen durch meine Bilder und Gedichte
schon begriffen, dass sexueller Missbrauch mit im Spiel
war, nur machte ich so zu, dass sie den aktuellen Hintergrund
des Geschehens nicht erkannten und scheinbar davon ausgingen,
dass sich dieser in den Jahren vor meinem Aufendhalt
in der Pflegefamilie, in meiner wahren Familie abgespielt
hatte. Vielleicht wurde aus diesem Grunde der sich anbahnende
Kontakt zu meinen wahren –mir fremden- Eltern von dort
aus auch nicht wesendlich gefördert.
Hier war nun wieder eine Schnittstelle an der ich an
bestimmten Stellen nur hätte nicken müssen, denn ich
wurde dort nicht nur einmal ganz konkret und direkt
gefragt, ob ich in der vergangenen Zeit missbraucht
und/oder vergewaltigt worden bin. Doch wieder stellte
sich bei mir das Gefühl des „ertappt- seins„ ein und
ich schämte mich, hatte Angst einfach nur „ja„ zu sagen
und fand zu niemanden wirklich Vertrauen. Ich beantwortete
viele Fragen jedoch in meinen Bildern und Gedichten
und spürte auch, dass dieses von der Grundaussage auch
erkannt wurde. Das fühlte sich gut an.
Als
ich aus der Psychiatrie entlassen wurde, war ich fast
18 Jahre alt. Ich zog „zu Hause„ aus, zog zu einer vier
Jahre älteren Freundin in ihre Wohnung, was nach langem
hin und her mit den Ärzten, Sozialarbeitern und dem
Jugendamt genehmigt wurde und ich hatte in der Folgezeit
Betreuung durch den jugendpsychiatrischen Dienst. Doch
standen hier mehr die aktuellen Probleme des täglichen
Lebens, als die Vergangenheit im Vordergrund. In Bezug
auf Details meiner Vergangenheit bedrängte mich auch
niemand und ich führte die Betreuer auch regelmäßig
an der Nase herum, in dem ich sie in verschiedenen Situationen
bewusst anlog, um meine Ruhe vor ihnen zu haben. Als
ich auszog räumte ich mit meiner Freundin sehr überstürzt
meine persönlichen Sachen aus dem Haus, Wir packten
ein was mir gehörte, doch geriet auch die ein oder andere
Sache in die Kartons, die nicht von mir war. So ein
Videorekorder, der in meinem Zimmer stand und den meine
Freundin zusammen mit meiner Musikanlage mit ins Auto
packte. Dieser Videorekorder gehörte mir nicht, er gehörte
meinem Pflegevater und in dem Gerät war noch eine Videokassette,
eine von „seinen„. Dieses bemerkte ich aber erst, als
ich etwa ein Jahr später meine erste eigene Wohnung
bezog und die restlichen Kartons auspackte. Ich wusste
gleich, was dies für eine Kassette war, wusste aber
in dem Moment nicht wohin damit, packte sie in eine
Bücherkiste ganz nach unten. Dort lag sie viele Jahre
und zog etliche Male mit mir um.
Die
Zeit der Verdrängung
Ich
weiß nicht wie, aber ich beendete die Schule, machte
Abitur und Führerschein. Von nun an begann eine Zeit
die vorwiegend von dem verzweifelten Versuch geprägt
war meine Vergangenheit mit den ganzen Geschehnissen
zu verdrängen. Ich wusste nichts, aber auch gar nichts
mit mir anzufangen, wusste nicht, was ich machen sollte
oder wollte, war auch sicher, was den innerlichen Reifeprozess
betraf, anderen, gleichaltrigen Jugendlichen nicht gewachsen.
Durch glückliche Umstände bekam ich gleich nach der
Schule eine Lehrstelle und absolvierte zunächst die
Berufsausbildung. In meinem Tagesablauf gab es beinahe
keine Minute, die nicht verplant war, damit ich bloß
nie zur Ruhe fand, nie zum Nachdenken kommen konnte
und so gelang es mir insgesamt fast 11 Jahre meine Vergangenheit
im groben wegzudrücken. Doch in mir brodelte es und
ich versuchte die folgenden Jahre mit den Folgen, die
ich davongetragen habe, und auf die ich am Ende dieses
Textes noch einmal kurz zu sprechen kommen möchte, Leben
zu lernen. Ich arbeitete viel und genoss das Gefühl
des unabhängig seins. Doch dann bahnte sicher der Zusammenbruch
an.
Ich hatte einen schweren Unfall, der viele Verletzungen
und einen sehr langen Krankenhausaufenthalt nach sich
zog. Nun war keine Ablenkung mehr möglich, keine Arbeit,
keine Uni, keine Freunde. Ich schottete mich von allen
ab, wollte niemanden hören, sehen oder sprechen. Ich
lag Tagein Tagaus streng im Bett und musste mich nur
mit mir beschäftigen, kurzum: es kam alles hoch. Als
ich nach fünf Monaten wieder zu Hause war, ging gar
nichts mehr, ich stürzte in ein tiefes Loch. Ich war
geschwächt, hatte konditionell und körperlich gewaltig
abgebaut, meine Lunge war noch angeschlagen reagierte
auf die kleinste Belastung mit schwerem Asthma. Ich
war auch vollkommen aus meinem Leben, meinem Rhythmus,
meiner Arbeit gerissen. In diesem Zustand wurde ich
plötzlich mehr und mehr überrannt von Erinnerungen,
Alpträumen, Angstzuständen, ich konnte das alles nicht
kontrollieren, irgendetwas war aufgebrochen. Irgendwann
kam ich an einem Punkt, da war mir nahezu alles egal.
Ich war durcheinander, verzweifelt, erschöpft und überfordert
mit mir, meinem Alltag und dem was nun hochkam und mich
quälte. Ich konnte/mochte zu dem Zeitpunkt selber nicht
wirklich glauben, dass das alles wahr ist, da ich auch
nicht wusste, wie ich die plötzliche Konfrontation mit
dem Thema aushalten und ertragen sollte, denn ich hatte
die ganzen Jahre versucht dieses Thema zu umschiffen
und hatte es so in dieser Form nicht aktuell in meinem
Bewusstsein. Doch in Wahrheit hatte ich nichts vergessen,
nicht einen Tag, nicht eine Handlung, gar nichts.
Irgendwann ging ich in meinen Keller und suchte diese
Videokassette. Durchsuchte alle Kartons die ich dort
gelagert hatte.
Warum ich mir das antun musste? Ich weiß es wieder nicht.
Sie lag ganz unten in der alten Bücherkiste. Es stand
drauf „A/13„, mehr nicht. Ich nahm die Kassette mit
in meine Wohnung und lief einige Tage drum herum. Ich
weiß nicht, was ich damit eigentlich erreichen wollte,
ich denke, ich wollte einfach nur, dass dieser Zustand
indem ich mich befand endlich aufhört und alles wieder
so lief wie zuvor. Ich tat die Kassette in den Videorekorder,
sah mir ein Stück davon an und in meinem Kopf wurde
alles wieder lebendig. Sonderbar war nur: ich fühlte
zunächst nichts. Emotionslos saß ich vor dem Film. Dieser
widerte mich an, aber ich hatte sonst keine subjektiven
Empfindungen zu dem, was ich dort sah. Keine Träne,
keine Trauer, grade so, als wäre nicht ich das Kind
auf diesem Band. In der Folgezeit wuchs jedoch der Hass
und die Wut in mir und ich wusste nicht wirklich wohin
damit, obwohl mir schon bewusst war wo diese Empfindung
eigentlich hingehörte.
Ich begriff, dass ich Hilfe bräuchte, dass ich sonst
wieder an den Punkt kommen würde, an dem ich diesen
Hass wieder gegen mich selber richten würde. Ich hatte
Glück, bekam Kontakt zu einer Psychotherapeutin, die
sich mit viel Zeit und Geduld auf mich einließ, sich
mehr als es in meinen Augen „normal„ ist engagierte
und ohne die ich heute sicher nicht mehr hier sitzen
würde, da bin ich mir sehr sicher.
Ich begann zu schreiben. Schrieb alles auf, was an Erinnerungen
und Bildern in meinem Kopf war und merkte bald, dass
es ein „Fass ohne Boden„ war, denn hatte ich eine Erinnerung
vorläufig abgearbeitet, kam gleich die nächste hoch.
Ich schrieb es immer und immer wieder und begriff während
des Schreibens und währen des Lesens meiner eigenen
Worte erst wirklich, was diese Männer mit mir gemacht
haben. Ich war so voller Scham, dass ich die Worte noch
nicht einmal niederschreiben mochte, geschweige denn
aussprechen konnte. Ich suchte irgendwann im Telefonbuch
nach dem Namen meines Pflegevaters. Ich fuhr am nächsten
Tag an seinem Haus vorbei, wusste nicht was stärker
war, die Angst vor der Konfrontation oder die Wut, die
der Motor war ihn aufzuspüren. Erst jetzt begann ich
mich zu fragen, ob er in den Jahren nach mir weiter
gemacht hatte, ob er sich auch an anderen Kinder vergangen
haben könnte und mir war selber unverständlich, wieso
ich darüber zuvor nie nachgedacht hatte, wie ich die
ganzen Jahre in dieser Art und Weise funktioniert hatte.
Ich fuhr noch einige Male an dem Haus vorbei, sah aber
niemanden und zweifelte mittlerweile, ob die Adresse
noch stimmte. Auszusteigen und auf das Türschild zu
schauen traute ich mich jedoch nicht. An einen der nächsten
Tage habe ich im alkoholisierten Zustand zum Telefon
gegriffen und die Nummer, die im Telefonbuch stand angerufen.
Es sprang ein Anrufbeantworter an und das erstemal seid
vielen vielen Jahren hörte ich seine Stimme. Wie ich
sie hasste. Ich legte auf, rief aber gleich erneut an,
denn ich hatte mir geschworen, mich nie wieder diesem
Mann zu beugen. Ich wollte ihm auf seinem Band, meine
ganze Wut hinterlassen; draufsprechen, dass ich nichts
von all dem vergessen habe. Doch nun, beim zweiten Versuch,
ging er ran. Ich war erschrocken, sagte erst nichts.
Erst als er wiederholt nachfragte, wer dort sei, sagte
ich meinen Namen. Zunächst war Schweigen am anderen
Ende. Dann war ich erneut von seiner Abgebrühtheit wie
vor den Kopf geschlagen. Er sage: „Hallo Kleine, dass
ich ja nett, dass Du dich mal wieder meldest, ich dachte
schon, Du hast mich vergessen!„ und ich stellte mir
sein zynisches Grinsen dabei vor. Ich sagte ihm, dass
ich nichts vergessen hätte, dass ich ihn hasse und dass
er so einfach nicht davonkommt. Woher mein Mut kam?
Ich weiß es nicht, es muss die Wut in Verbindung mit
dem Alkohol gewesen sein. Er unterbrach mich, nahm mich
nicht wirklich ernst. Fragte, was ich denn grade für
ein Problem hätte, dass wäre doch nun alles schon so
lange her und er würde mir nicht raten ihm zu drohen,
außerdem hätte ich nichts gegen ihn in der Hand. Oh
doch, dass hatte ich. Die Kassette und das sagte ich
ihm und legte auf. Ich habe heute keine Ahnung, was
an diesem Abend in mich gefahren ist, warum ich das
alles getan hatte. Natürlich lies er mich in der Folgezeit
nicht in Ruhe, was sicher auch verständlich war und
was man von ihm vielleicht auch nicht ernsthaft erwarten
konnte. Im Gegenteil, ich denke, es wäre sonderbar gewesen
wenn ihn das nicht interessiert hätte. Er wollte sich
mit mir treffen, steckte mir Postkarten in den Briefkasten,
wollte angeblich die „Sache„ mit mir aussprechen. Mir
machte das wahnsinnige Angst, war ja aber selber Schuld
an dieser Wendung. Andererseits änderte es nicht viel
an meinem Zustand, denn ich lebte zu der Zeit eh mehr
in der Vergangenheit als in der Realität. Die Therapeutin
war besorgt, wollte, dass ich mir zumindest einen Anwalt
nehme, mich schütze oder die Polizei hinzuziehe. Die
Situation Spitzte sich zu, er stand irgendwann vor meiner
Wohnungstür, wollte mit mir „reden„, wollte verständlicherweise
„sein Videoband„ zurück. Diese Begegnung führte zu Eskalation
der Situation, er war gewalttätig, ich war allein, unvorbereitet,
ihm körperlich nicht gewachsen, auch heute bin ich es
nicht. Er klingelte an meiner Wohnungstür. Woher er
wusste, dass es meine war weiß ich nicht, denn ich habe
außen kein Namensschild angebracht. Da die Eingangstür
in diesem Haus Abends immer verschlossen war, machte
ich auf, da ich dachte, dass es sicher jemand aus dem
Haus wäre, der etwas von mir wollte. Als ich begriff,
wer dort stand hatte er schon den Fuß in der Tür. Er
hat sich nicht wirklich verändert, auch heute ist er
noch größer als ich und mir körperlich überlegen. Er
wollte das Videoband. Es kam zum Streit, zu Handgreiflichkeiten,
er war aggressiv, angetrunken und roch noch immer nach
dem selben unangenehmen Aftershave wie damals. Ich war
nur mit einem Trainingsanzug bekleidet, stand irgendwie
wie unter Schock, wusste in dem Moment nicht, wie ich
mich verhalten sollte, war überfordert, fiel in meine
„Mausestarre„.... Kurzum: diese Begegnung, diese Auseinandersetzung
verlief und endete nicht viel anders als die damaligen,
es kam zu einer Vergewaltigung. Da die Tür nicht ins
Schloss fiel und die Auseinandersetzung in ihrer Lautstärke
scheinbar im Treppenhaus zu hören war, riefen besorgte
ältere Nachbarn die Polizei hinzu, was schließlich dazu
führte, dass das Strafverfahren ins Rollen kam.
Das
Verfahren
Ich nahm mir einen Anwalt. Sonderbarer Weise suchte
ich Rat bei einem Mann, nicht bei einer weiblichen Anwältin.
Ich hatte das Bedürfnis nach Schutz, suchte jemanden
der vor mir steht, von dem ich weiß, dass er ihm gewachsen
ist und dass sich mein Pflegevater anderen Männern unterordnete,
hatte ich früher ja erlebt. Dennoch, war ich voller
Misstrauen, wusste nicht, wie ein Mann mit diesem Thema
umgeht, wie er reagiert, wenn er diese Videos sieht.
Mir war zwar schon bewusst, dass ein „normaler„ Mensch
oder Mann bei dem Anblick solcher Bänder nur angewidert
sein kann, doch ist es schlicht und einfach pornographisches
Material und vielleicht kann es ein Mann unter Umständen
gar nicht wirklich steuern, ob ihn solche Bilder „anturnen„
oder nicht. Kurzum: ich war unsicher, hatte aber dennoch
das Gefühl, dass ich mich mit einem männlichen Anwalt
sicherer fühle. Der erste Termin war recht kurz. Ich
ging hin, hatte Angst kein Wort rauszubekommen, erzählte
ihm recht kurz worum es ging, was aktuell geschehen
war. Er wollte zunächst einiges wissen, über meine Situation,
über den Mann, ob und woher ich ihn kenne, ich hatte
das Gefühl, dass er sehr souverän, sachlich aber ernst
mit dem bisher mitgeteilten umging, was mich sehr, sehr
beruhigte. Dennoch wusste ich nicht wirklich, wie ich
ihm nun die ganzen Zusammenhänge in so kurzer Form so
erklären konnte, dass er mir glaubt, dass er es versteht
und es für ihn einen Sinn ergibt. Ich sagte ihm, wer
dieser Mann war und dass ich solche Übergriffe von früher
kannte und gab ihm das Band und bat ihn es sich anzusehen.
Am nächsten Tag rief er an, wollte am selben Tag noch
ein Gespräch. Ich war erleichtert zu sehen, wie aufgebracht
er war, er ist selbst Vater von zwei Mädchen. Er hatte
von dem Band schon zwei Kopien gemacht. Eine sollte
bei ihm verbleiben, eine bei mir und eine sollte zur
Staatsanwaltschaft. Er wirkte sehr strukturiert, dominant,
sehr sicher, ernst, selbstbewusst, zuversichtlich, sagte,
es sei selten, dass man solche Beweise in den Händen
hat. Möglicherweise habe ich aus diesem Grunde das Verfahren
im folgenden auch als nicht so belastend empfunden und
nicht in dem Maße darunter gelitten, wie es andere Opfer
sicher tun wenn sie sich durch viele kritische Gespräche
quälen und sich unter Umständen einer Glaubwürdigkeitsbegutachtung
stellen müssen. Zunächst besprach er mit mir rein praktische
und banale Vorgehensweisen, Dinge, die selbstverständlich
sind auf die ich aber in meinem derzeitigen Zustand
selber nicht kam. Ich sollte mir ein Handy und einen
Anrufbeantworter zulegen, diesen von einem Mann, einem
Freund besprechen lassen und sonderbare Anrufe nicht
löschen, sondern abspeichern. An meinem Türschild sollte
ich einen zweiten Namen schreiben, damit es den Anschein
hatte, dass ich nicht alleine wohne, die Wohnungstür
bekam noch eine Sicherheitskette. Ich sollte Menschen
mit einweihen und mich bei ihnen abmelden, wenn ich
wegfahren sollte, sollte ansonsten alles über ihn laufen
lassen. Meine Nummer wurde bei der Auskunft gesperrt,
ebenso die Adressenauskunft beim Einwohnermeldeamt.
Die Postkarten, die mir mein Pflegevater hat zukommen
lassen kamen mit zu seinen Unterlagen und er sprach
mit mir noch einmal über den weiteren Ablauf, sagte
mir auch noch einmal, dass ich mich an ihn wenden solle,
wenn ich in Bezug auf dieses Thema irgendwelche Post
bekäme oder zu irgendeiner Vernehmung geladen werden
sollte. Er erklärte mir noch mal den Ablauf der Nebenklage
und meine Rechte, die ich dadurch habe und er gab mir
auf über meinen Hausarzt die Krankenunterlagen des Psychiatrieaufenthaltes
und wenn möglich auch von anderen Arztbesuchen aus dieser
Zeit anzufordern und mir zu überlegen, wer im weiteren
noch als Zeuge in Frage käme.
Vernehmungen
hatte ich drei an der Zahl. Eine direkt bei der Staatsanwaltschaft
und zwei weitere in den Räumen der Kriminalpolizei.
Bei allen dreien war mein Anwalt auf meinen Wunsch dabei,
was scheinbar nicht immer üblich ist und von der Polizei
auch nicht gestattet werden muss. Bei der einen polizeilichen
Vernehmung war zusätzlich ein Polizeipsychologe zugegen,
der jedoch –zum Glück- mehr beobachtend in der Ecke
saß und sich selber sehr zurückhielt. Welche Aufgabe
er genau hatte war mir nicht wirklich klar, war mir
in dem Moment aber auch nicht wichtig.
Die Vernehmungen an sich waren furchtbar für mich. Schon
der Weg rauf zur Kriminalpolizei, durch gesicherte Türen
die hinter uns verschlossen wurden, war in meiner damaligen
Situation und Verfassung irgendwie beängstigend, denn
bis dahin hatte ich mit der Institution „Polizei„ noch
nichts zu tun gehabt. Befragt hat mich eine Polizistin,
sie nahm sich viel Zeit, war geduldig, dennoch sehr
direkt und sachlich, was für mich nicht einfach war.
Im Großen und ganzen war es aber in Ordnung und aushaltbar,
sodass auch dass eine Situation war, die sicher bei
weitem nicht bei jedem Opfer so rücksichtsvoll abläuft.
Zunächst ging es allgemein um die Situation, darum,
warum ich in die Familie kam, wie alles anfing, wie
meine Beziehung zu ihm war, wie ich seine Beziehung
zu seiner Frau empfunden habe. Fragen zu seinen sozialen
Kontakten, seinen Freunden, seinen Interessen; ja ich
wurde selbst gefragt was für ein Auto er damals fuhr,
welche Farbe etc.. Fragen zur Schule, zu meinen Freunden,
zu Ärzten bei denen ich in der Zeit gewesen bin und
auch Fragen dazu, ob und warum ich mich niemanden mitgeteilt
habe. Es wurde erst einmal grob der Rahmen gesteckt,
bevor es an Einzelheiten und an Detailfragen ging. Ich
war sehr unsicher, weil vieles in meinen Erinnerungen
einfach sehr unsortiert war und auch immer noch ist.
Ich merke, dass sich manche Situationen vermischen und
ich mir manchmal nicht sicher bin, wann was genau wie
war. Ich wunderte mich, dass überhaupt irgendjemand
mit meinen Erzählungen etwas anfangen konnte, denn mir
fielen zu bestimmten Situationen andere Begebenheiten
ein, die aber in diesem Moment gar nicht dazugehörten
und so ging zu Beginn – nach meinem Empfinden- alles
etwas „kreuz und quer„ und ich hatte wahnsinnige Angst,
dass man mir nicht glaubt, da ich mir in diesem Moment
manches selber nicht glaubte. Ich hatte ein schlechtes
Gewissen dafür, ihn in dieser Weise anzuschuldigen und
merkte, dass ich oft vieles relativierte und Sätze sagte
wie: „ Naja, aber ich habe ihn ja auch provoziert„,
„ich habe mir ja auch keine Hilfe geholt„, „ich habe
mich später ja auch nicht mehr wirklich gewehrt„. Sätze
von denen ich immer Angst hatte, dass andere sie mir
entgegenwerfen, warf ich in meiner Unsicherheit selber
in die Runde und ärgerte ich mich maßlos über mich selber,
denn heute weiß ich, dass es nicht so war, aber in dem
Moment habe ich es wieder so empfunden. Ich war bei
manchen Begebenheiten selber unsicher, ob meine Wahrnehmung
stimmte, ob ich alles richtig erinnere und nicht etwas
verwechsle oder vermische. Dazu kam, dass meine Sicht
der Dinge eine ganz andere war, als die, die ich nun
schildern sollte, dass wurde mir bewusst bei der Konfrontation
mit den Videos. Auf den Bändern sah ich Dinge, die ich
nie hätte erzählen können, weil ich sie nicht wahrgenommen
hatte und manche auch nicht wahrnehmen konnte. Es war
„deren„ Sicht der Dinge; meine sicht der Dinge hatte
einen ganz anderen, viel emotionalern Horizont. Ich
erinnere mich an Stimmen, an Gerüche, an die Angst die
ich hatte, an das, was in mir passierte und an Geräusche.
An das ticken einer Uhr an der Wand, ein Auto das draußen
vorfuhr, das zischen von Bierflaschen, das Geräusch
von sich öffnenden Hosenreißverschlüssen oder Druckknöpfen...
Ich erinnere mich an mein Gefühl der Angst, Ohnmacht
des Ausgeliefert seins, erinnere mich an Schmerzen und
daran, wie und wo sie mir diese zufügten, aber zum Beispiel
nicht mehr daran, womit sie es taten und wer es genau
war. Das war für mich damals in der konkreten Situation
zum überleben nicht wichtig, ist aber heute für ein
Strafverfahren eine der Kernfragen. Ich erinnere mich
an Dinge in Räumen, Kleidung die sie trugen, an Begebenheiten,
die vollkommen unwesentlich und unwichtig sind, die
sich aber aus irgendeinem Grund in meinem Gedächtnis
eingebrannt haben. Die Farbe der Fliesen im Badezimmer,
die Anzahl der Fransen an der Teppichkante im Wohnzimmer.
Ich erinnere mich an manche Sätze die sie sagten wörtlich.
Andererseits kann ich zu manch wichtigen Dingen, Dingen
von denen man denken könnte, dass man so etwas weiß,
nichts sagen. Das verunsicherte mich selber maßlos und
ich begann selber meine eigenen Worte, Erinnerungen
und Wahrnehmungen anzuzweifeln. Das Gefühl war furchtbar
für mich, da meine ganze Kindheit über mit von der Angst
geprägt war, dass mir niemand glauben wird. Nun waren
dort Menschen, die bereit waren mir zu glauben und nun
glaubte ich mir selber nicht mehr. Ich hatte Angst meine
eigenen Zweifel und Schuldgefühle zu benennen, da ich
dachte, dass sie spätestens sicher dann misstrauisch
werden würden und mir spätestens dann nicht mehr glauben,
denn warum sollte ich Schuldgefühle und Zweifel haben,
wenn meine Aussage wahr ist. Zudem bin ich auch sicher
nicht frei von subjektiven eindrücken und Empfindungen,
die sicherlich auch dazu beitragen, dass sich Begebenheiten
für mich vielleicht doch etwas anders darstellen, als
sie tatsächlich waren. Die Vernehmungen waren anstrengend,
beschämend, aber menschlich gesehen in Ordnung. Zwei
mal legte mein Anwalt eine „Zwangspause„ ein, ansonsten
wurde ich auch immer wieder gefragt, ob ich eine Pause
möchte und in einigen Pausen und am Ende der Gespräche
fragte der Polizeipsychologe, ob alles soweit o.k. ist,
oder ob er was für mich tun könnte. „Mich bloß in Ruhe
lassen und es tunlichst unterlassen mir irgendwelche
Fragen zu stellen„ dachte ich in meinem Sturkopf nur,
aber sicher gibt es andere Opfer, die für eine solche
Frage dankbar gewesen wären. Hätte ich „meine„ Psychologin
dabei gehabt, hätte ich sicher einiges loswerden wollen
und mich vielleicht auch getraut ihr meine eigenen Zweifel
zu benennen, aber dieser fremde Mann tat gut daran,
einfach auf Abstand zu bleiben, obwohl ich im nachhinein
glaube, dass mir die Anwesenheit schon geholfen hat,
da ich dadurch das Gefühl hatte, das dort vielleicht
jemand sitzt, der meine Verwirrtheit und das Durcheinander
meiner Worte versteht und nachvollziehen kann. Meinem
Pflegevater wurde zunächst festgenommen, kam in Untersuchungshaft.
In seinem Haus wurden noch Bänder und Fotos sichergestellt,
Bänder und Fotos von mir und von anderen Kindern. Das
von mir auch Fotos gemacht wurden, war zum Beispiel
etwas, was ich gar nicht erinnere, davon habe ich nie
etwas mitbekommen. Er war umfassend geständig, was im
nachhinein strafmildernd berücksichtigt wurde. Durch
seine Aussagen hatte er scheinbar mit dazu beigetragen,
dass in den folgenden Wochen in dieser Stadt und der
Umgebung, ein „Kinderpornoring„ aufgeflogen war, mit
weiteren Einzelheiten dazu habe ich mich bisher aber
noch nicht weiter beschäftigt. Ob ich das irgendwann
möchte? Ich weiß es nicht. Im Moment möchte ich die
Bereiche die mich betreffen einfach gerne erst mal ruhen
und sacken lassen.
Der weitere Gang des Verfahrens verlief dann relativ
autark und ich habe mir alle Mühe gegeben meine Tage
so zu organisieren, dass sich kaum die Möglichkeit ergab
mir darüber und über den Termin der Verhandlung Gedanken
zu machen. Ich meldete mich zum Examen an und das, obwohl
ich zuvor kaum zum lernen fand und durch meine unfallbedingte
Krankheitszeit vollkommen aus der Materie rausgeworfen
wurde. Doch ich wurde durch den aufkommenden und immer
stärker werdenden Druck so abgelenkt, dass ich das Verfahren
kaum präsent hatte. Um so mehr war ich überrascht und
erschrocken, dass ich nach ca. sieben Monaten, kurz
vor den schriftlichen Prüfungen die Ladung zur Hauptverhandlung
bekam. Dass es dann letzten Endes so schnell ging, habe
ich weder erwartet noch gehofft, denn ich hatte Angst
davor. Die Verhandlung war für mehrere Sitzungstage
angesetzt; an einem sollte ich anwesend sein, an einem
weiteren erreichbar. Da er umfassend gestand und sich
scheinbar bereitwillig auf die ihm gestellten Fragen
einließ, blieb mir in der Hauptverhandlung eine erneute
Vernehmung erspart, was in solchen Fällen sicher auch
eher die Ausnahme ist, zumindest könnte ich es mir vorstellen.
Das Urteil lautete : „achteinhalb Jahre ohne Bewährung
mit der anschließenden Unterbringung in einer psychiatrischen
Einrichtung„ .
Zu seinen Gunsten sprach unter anderem, dass nicht „nur"
sexueller Missbrauch stattfand, dass er sich ansonsten
auch „gekümmert„ hat und dass er nach Ansicht des Gutachters
im Rahmen seiner Persönlichkeitsstörung eine enorme
Kraft dahinein investiert haben muss, seine „ihn quälenden„
Tötungsphantasien nicht umzusetzen. Das Gutachten beschäftigte
sich sehr intensiv mit seiner, von Vernachlässigung
und emotionalen Missbrauch geprägten kindlichen Entwicklung,
sowie seiner gestörten emotionalen Bindung zu seiner,
als sehr dominant beschriebenen Mutter. Es war die Rede
von ständigen Misserfolgen, Beziehungsstörungen, Versagens-
und Verlustängsten, die sich scheinbar schon vor meiner
Zeit, bedingt durch seine, im Kindesalter schon angelegte
sehr große Gewaltbereitschaft, immer wieder in unfassbaren
externen Gewalttätigkeiten entladen haben. Er habe wohl
schon als Kind gefallen daran gefunden zum Beispiel
Tiere zu quälen und sich an schwächeren abzureagieren.
Aus dem Gutachten ging hervor, dass er zwar grundsätzlich
die Fähigkeit hat, sein Verhalten im nachhinein zu reflektieren,
dass er jedoch auf Grund seiner Persönlichkeitsstörung
in der konkreten Situation scheinbar nicht in der Lage
war/ist, sich diesen krankhaft reaktiven, impulsiven
Trieben zu entziehen. Gesehen wurde von dem Gericht,
dass ihm - nach seinen Einlassungen - die Missbrauchsituation
in Bezug auf die anderen Täter scheinbar außer Kontrolle
geraten ist, da er versicherte, dass er das in der Form
selber nicht gewollte habe. Jedoch wurde diese Einlassung
nicht zu seinen Gunsten gewertet, da er es trotzdem
zugelassen und durch aktives Tun gefördert hat ,und
es ihm aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten zuzumuten
gewesen wäre, sich in Bezug auf seine pädophilien Neigungen
und seiner Gewaltbereitschaft therapeutische Hilfe zu
holen. Strafmildernd wurde berücksichtigt, dass er umfassend
geständig war, das Verfahren dadurch nicht verzögert
hatte, andere Verfahren durch seine Kooperation beschleunigte
und mir dadurch unter anderen mir eine erneute Vernehmung
ersparte. In Bezug auf die Tatsache, dass er in der
Verhandlung scheinbar nicht wirklich glaubhaft Reue
zeigen konnte wurde berücksichtigt, dass dieses nach
dem Maß der diagnostizierten Persönlichkeitsstörung
nicht ernsthaft zu erwarten war. § 21 StGB kam zur Anwendung.
Bei der Urteilsverkündung war ich nicht zugegen, was
nun sicherlich viele verwundern mag, aber ich konnte
es nicht. Ich hatte wahnsinnige Angst zu Hören, was
die Richter darüber denken, hatte Angst davor, dass
sie vielleicht Verständnis für ihn haben könnten, denn
jedes entlastende Argument in dieser Art und Weise hören
zu müssen, hätte sich für mich -ganz subjektiv- wie
eine Verurteilung meiner Person und eine Relativierung
und Verharmlosung meiner Erlebnisse angefühlt. Ich hatte
Angst davor, vor allen Anwesenden durch das Urteil und
seine Begründung gedemütigt zu werden und dieses hinnehmen,
ertragen zu müssen, ohne eine Chance zu haben mich in
diesem Moment dagegen wehren zu können. Diese Menschen
dort wussten alles aus meinem Leben, haben mich nackt
gesehen, gesehen wie man mich quälte. Diese Menschen
dort hatten alle Macht der Welt mir unsagbar weh zu
tun. Am meisten Angst hatte ich jedoch davor, dass er
aus dieser hoffentlich letzten Begegnung wieder als
Überlegener herausgeht. Nach der Urteilsverkündung hatte
ich einen Termin mit meinem Anwalt. Er nahm sich viel
Zeit das alles mit mir durchzugehen und zu besprechen,
was mir sehr gut tat. Aus seinem Munde konnte ich das
alles ganz gut ertragen, und ich war froh, dass ich
mich nicht gezwungen habe dort hinzugehen. Das Urteil
mit seiner Begründung wurde mir nicht lange nach der
Verhandlung zugeschickt, und auch wenn es für manche
vielleicht unverständlich ist, so muss ich zugeben,
dass ich es auch heute noch nicht im ganzen gelesen
habe.
Wenn
ich mich jetzt im nachhinein frage, ob und was es mir
gebracht hat, ob ich froh darüber sein kann, dass er
nun bestraft wird, dann muss ich sagen: „ich weiß es
nicht„.
Ganz objektiv bin ich sicher der Meinung, dass er ein
„Schwein„ ist und ich bin froh und erleichtert, dass
es das Gericht auch so gesehen hat und das zumindest
er nicht weiter missbrauchen und quälen wird. Und wenn
ich ehrlich bin, hoffe ich zutiefst, dass er nach der
verbüßten Haftstrafe bis zu seinem letzten Tag in einer
geschlossenen psychiatrischen Abteilung verbleiben wird.
Aus meinen Erfahrungen mit diesen Männer heraus, denke
ich persönlich, dass solche Neigungen weder heilbar
noch „wegtherapierbar„ sind, eben weil diese sexuelle
Triebe für diese Menschen scheinbar nicht kontrollierbar
sind und sie weder in der Haft, noch in der Therapie
mit den entscheidenden Faktoren, mit den Reizen, die
diese Triebe in ihnen auslösen, nämlich mit Kindern,
konfrontiert werden, sodass sie, selbst wenn sie den
aufrichtigen Willen dazu hätten, nirgens „üben„ könnten,
solche Konfliktsituationen zu überwinden, ohne diesen
Trieben nachzugeben. In der Realität steht sicherlich
die überwiegende Zahl der Sexualstraftäter, trotz offizieller
Integrationsmaßnahmen, nach einer verbüßten Haftstrafe
wieder allein vor solchen Situationen und werden dann
möglicherweise wieder Rückfällig. In meinem subjektiven
Empfinden bin ich jedoch zerrissener. Nach dem Verfahren
setzte eine große Leere in mir ein. Das Verfahren war
abgeschlossen, die Akte wird geschlossen, aber für mich
persönlich ist gar nichts beendet, für mich geht der
Horror - in meinem Kopf- weiter. Ich habe das Gefühl,
dass ich mich mein ganzes weiteres Leben mit den Folgen
der Taten, mit meiner Vergangenheit und auch mit „ihm„
auseinandersetzen muss, dass das sicherlich niemals
enden wird. Ich habe das Gefühl, dass ich ihm nicht
mehr grollen darf, da er ja nun „büßt„. Eine Freundin
sagte mir dazu, dass ich das Wort „büßen„ für mich anders
definieren müsse, denn „büßen„ hätte an sich etwas mit
einem freiwilligen, von Einsicht und Reue geprägten
„Buße tun„ zu tun und das ist bei ihm ja nicht der Fall.
Dennoch hatte ich das Empfinden, dass nun seine Strafe
das Unrecht wieder aufwiegen sollte und ich wusste im
folgenden nicht wohin mit meiner Wut und meinem Hass.
Vielleicht liegt dieses Empfinden auch mit daran, dass
ich mich von den gut einkonditionierten Schuldgefühlen
noch nicht wirklich lösen kann und es mir aus diesem
Grund einfach schwer fällt zu begreifen, dass ihm der
Staat seine Taten, nach verbüßter Strafe - zwar nicht
vergessen aber- vergeben kann und ich dennoch das Recht
habe, diese Art der „Vergebung„ nicht zu teilen. Diese
Freundin sagte mir dann jedoch weiter:„ mach dir mal
Gedanken darüber, ob du ihm nicht trotzdem vergeben
musst. Nicht wegen ihm. Nicht weil er (s)eine Strafe
bekommen hat. Nicht weil es damit gesühnt wäre. Nicht
weil du kein Recht hättest ihn weiter zu hassen, sondern
um deinet Willen, nur damit du mit dir Frieden schließen
kannst, damit dieser Mensch in deinem Leben keine so
große Rolle mehr spielen muss, damit du anfangen kannst
in die Zukunft zu blicken„. Ob das für mich der richtige
Weg sein wird? Ich weiß es noch nicht.
Auch wenn es für viele vielleicht wenig verständlich
ist, so ist dieser Mann ein Teil meines Lebens, eines
Lebens, das sich nicht Löschen lässt. Und auch wenn
er es nicht Wert ist, dass er in der Zukunft noch eine
Rolle in meinem Alltag spielt, so werde ich genau dieses
nicht ändern können, denn schon bei jedem Blick in den
Spiegel sehe ich an meinem Körper Narben, die er mir
zugefügt hat. Zwischen uns ist in den Jahren des Missbrauches
eine „Beziehung„ entstanden, die eine eigene Dynamik
entwickelt hat. Auch wenn diese „Beziehung„ nicht gut
war, so war es doch etwas sehr intensives, denn ich
habe mich in meinen jungen Jahren so intensiv mit seinem
kranken Geist auseinandergesetzt, dass ich glaubte zu
verstehen wie dieser Mann fühlt und denkt. Ich kenne
seine grausamen Seiten, seine perversesten Gelüste und
Phantasien, seinen Hass. Ich habe seine Unbarmherzigkeit
erfahren, die Freude gesehen und gespürt, die er am
Quälen und demütigen hat. Aber ich kenne auch seine
tiefsitzenden Ängste, seine Verzweiflungen, seine Defizite.
Ich kenne seine Alpträume, kenne Dinge aus seinem Leben
und seiner Geschichte, Einzelheiten aus seinem kranken
Geist, die außer uns beiden sicher niemand kennt. Ich
kenne auch weiche Züge an ihm, kenne seine Einsamkeit,
seine Sehnsucht akzeptiert zu werden, seine Sehnsucht
nach Nähe, die er scheinbar nicht erträgt und zerstören
muss. Ich hasse ihn, aber es gibt auch Momente, da habe
ich Mitleid mit diesem „Menschen„, da fühle ich mich
auch heute noch verantwortlich für ihn und seine Taten
an mir.
Ich spüre, dass es mir nicht gut tut in der Form über
ihn nachzudenken, weil er es nicht verdient hat, weil
solche Gedanken dann in mir dann eben dieses Mitleid
für ihn wecken, auch wenn das niemand versteht.
Was
mir gut tat war/ist die Tatsache, dass ich den Teufelskreis
des Schweigens durchbrochen habe und dass ich erfahren
habe, dass man(n) mir glaubt. Dass es Menschen gab die
sagten: „Du hast keine Schuld an dem, was man(n) mit
dir gemacht hat und wichtig war auch, dass es Männer
waren, die mir das signalisierten. Wichtig ist, dass
er für mich nicht mehr das übermächtige Monster ist,
sondern dass ich ihn ganz klein und gefügig erlebt habe,
dass ich diejenige war, die aus unserer - hoffentlich-
letzten Begegnung nicht als Unterlegene herausgegangen
ist. Dieses Gefühl hat sicher auch etwas mit Macht und
der Umkehr von Macht und/oder Machtspielchen zu tun,
sodass dieses Gefühl bei mir nicht nur gute, sondern
durchaus auch sehr gespaltene Empfindungen auslöst.
Wichtig für mich, für meine Seele war auch, dass er
– auch wenn er es nicht aus Reue oder um meinetwillen
tat- geständig war, denn dadurch, dass er vor allen
seine Schuld eingestand, hat er mir von meinen, mir
gut eingeprägten Schuldgefühlen einen großen Teil abgenommen
und für mich die Sicht mancher Dinge ein wenig grade
gerückt.
Wenn
ich jetzt einen Blick in die Zukunft wagen soll, könnte
ich eigentlich den Bogen zurück schlagen, zurück zu
einen meiner eingangs geschriebenen Sätze und sagen:
„ ganz objektiv bin ich eine Frau, die nun mitten im
Leben steht„. Ich habe eine Berufsausbildung, den ersten
Teil des Studiums abgeschlossen, stehe auf eigenen Füßen,
habe Freunde und sicherlich noch einen großen Teil meines
Lebens vor mir. So ist es aber nicht. Sicher geht es
mir objektiv betrachtet heute gut, vielleicht sogar
besser als anderen. Doch habe ich durch die ersten 20
Jahre meines Lebens Folgen davon getragen, von denen
ich nicht weiß, ob ich langfristig mit diesen leben
kann und möchte. Ich bin sicher ein Mensch, der aufgrund
seiner Vergangenheit im zwischenmenschlichen Bereich
noch keine 35 Jahre ist, habe in diesem Bereich noch
einiges aufzuholen. Ich weiß nicht, ob ich in meinem
Leben jemals fähig sein werde eine normale und gesunde
Beziehung zu führen, eine Beziehung in der zum Beispiel
auch „gesunde„ Sexualität sein darf, ohne dass ich darunter
leide, denn ohne dieses geht es nun mal nicht, da gibt
es wenig alternativen. Es ist nicht so, dass ich nach
dieser Zeit keine Beziehungen zu Männern gehabt hätte,
doch waren dieses meist sehr destruktive Menschen, was
sicherlich auch verwundert, dass ich mir immer wieder
solche Partner aussuchte. War es mal nicht so, lernte
ich jemanden kennen der es ehrlich mit mir meinte und
sicher auch bereit gewesen wäre mir Zeit und Verständnis
entgegenzubringen, so musste ich feststellen, dass ich
bisher nur ein gewisses Maß an aufrichtiger Nähe ertragen
konnte. In der Regel habe ich Beziehungen, in der eine
solche Nähe entstand oder sich zumindest anbahnte gleich
beendet, sodass ich sagen muss: „ich denke ich bin zu
keiner gesunden Beziehung fähig„. Ich bin ein Mensch,
der Misstrauen, Selbsthass und Zweifel in sich trägt,
was ich sicher nie ganz ablegen werde.
Ich habe mir lange Gedanken um die Theorien gemacht
die besagen, dass in jedem Opfer durch die Viktimisierung
auch Täteranteile entstehen und wachsen und so schwer
es auch ist sich so etwas selber einzugestehen, so sehr
kann ich diesen Gedanken nachvollziehen.
Ich denke nicht, dass ich jemals in irgendeiner Form
zum Täter werde, denn heute schlage ich noch nicht einmal
eine Fliege tot, sondern fange sie ein und setzte sie
raus. Aber was bedeutet das schon. Mein Pflegevater
half auch Schnecken über die Strasse, damit sie nicht
überfahren werden. Grundsätzlich denke ich, dass es
auch eine Frage von Charaktereigenschaften ist und ich
glaube, dass ich eher der Typ Mensch bin, der im Zweifel
seine Aggressionen gegen sich selber richtete, der also
grundsätzlich eher sich selber das Leben nehmen würde,
bevor er anderen etwas antut, ohne das ich nun in diesem
Moment suizidale Absichten hätte. Sicher gibt es auch
Menschen, die in solchen Situationen ihre Aggressionen
vorwiegend extern entladen, möglicherweise sind solche
Menschen eher gefährdet zum Täter zu werden, aber das
kann ich nur vermuten. Es ist halt so, dass ich nie
gelernt habe wo Grenzen sind, habe nie gelernt eigene
Grenzen zu stecken und wenn ich es mal versuchte, wurden
sie eingerannt. Auch wenn es sicher sehr individuell
ist, so habe ich kein Gespür dafür, was im zwischenmenschlichen
Bereich „normal„ ist, was man als Erwachsener zum Beispiel
Kindern gegenüber an Nähe geben darf und was nicht.
Bei mir führt es dazu, dass ich solche Nähe dann kaum
zulassen kann, bei anderen führt es möglicherweise dazu,
dass sie Grenzen, die sie nicht sehen überschreiten
und so Opfer einer Dynamik werden die ich in meiner
Kindheit mit meinem Pflegevater erfahren musste.
Wenn ich mich im Zusammensein mit den kleinen Kindern
meiner Freundin beobachte, dann spüre ich eine ganz
extreme Unsicherheit. Es ist nichts dabei ein Kind das
traurig ist in den Arm zu nehmen oder es nach dem Baden
abzutrocknen, wenn es dies möchte, aber ich kann dies
nur schwer, weil ich nicht weiß, nie gelernt habe, wo
hier Grenzen sind. Das verunsichert mich maßlos, sodass
ich solche Nähe mehr als Bedrohung und weiniger als
angenehm empfinden kann, was bei mir zum Rückzug führt.
Bei anderen Opfern – wie bei meinem Pflegevater- führt
dieses aber vielleicht dazu, dass sie den Zwang entwickeln
diese Bedrohung zu zerstören, sich ihrer zu bemächtigen,
wie er es mit mir gemacht hat. Was mir die Zukunft bringt
und wie lange sie währt kann ich heute nicht sagen.
Sicher habe ich noch eine lange Therapiezeit vor mir
und ich bin auch mit eiserner Härte und viel Selbstdisziplin
dabei, mich meiner Vergangenheit, den Folgen und meiner
eigenen Fehler zu stellen und daran zu arbeiten. Das
ist für mich kein leichter Weg, doch im Moment gehe
ich ihn in der Hoffnung, irgendwann einmal ein normales
Leben führen zu können.
„Er„
hat das Urteil hingenommen, kein Rechtsmittel eingelegt,
sicher wohlwissend, dass über ihn in dieser Verhandlung
wohlwollend gerichtet wurde, dass er mit diesem Urteil,
nicht zuletzt durch das psychiatrische Gutachten und
seiner Kooperation „gut weggekommen„ ist.
Ich habe das Urteil so hingenommen, da ich für ein erneutes
Verfahren keine Kraft gehabt hätte und da ich zu dem
Schluss gekommen bin, dass mir ganz persönlich heute
nicht dadurch geholfen wird, dass er statt der achteinhalb
Jahre möglicherweise, nach einer weiteren Verhandlung,
noch längere Zeit in Haft bleiben muss.
Für
mich persönlich war das Gefühl wichtig mich gewehrt
zu haben, um vom Kopf her wenigstens zu begreifen, dass
ich keine Schuld daran habe, dass das mit mir gemacht
wurde. Diese Erkenntnis umzusetzen, meine Vergangenheit
so wie sie ist anzunehmen und irgendwann vielleicht
einmal in einer Art und Weise so weglegen zu können,
dass sie nicht mehr in der Form mein Leben bestimmt,
wird nun sicher eine Aufgabe, ein Prozess sein, der
mich die kommenden Jahre beschäftigen wird und muss.
Ob mir das gelingen wird und ob ich irgendwann vielleicht
zu einem friedvollen Leben finde, kann ich im Moment
abschließend noch nicht sagen.
Ich
würde mir wünschen, dass ich mit diesem Text vielleicht
den ein oder anderen Leser nachdenklich machen konnte,
denn insbesondere das Strafrecht darf sich - nach meiner
Meinung- im Ergebnis nicht in der nüchternen Subsummtion
eines Sachverhaltes unter eine Norm erschöpfen, da man
auf beiden Seiten in vielen Fällen, egal auf welche
Seite man sich später einmal positionieren wird, über
Menschenschicksale entscheidet. Sicher haben viele Täter
lange und harte Strafen zu verbüßen. Ob dieses im Einzelfall
immer gerechtfertigt ist, vermag ich an dieser Stelle
nicht zu beurteilen. Doch auch viele Opfer von Gewalttaten
haben durch die Tat und ihre Folgen in Jahr und Tag
„lebenslänglich„.
|