Kinderschreie
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Nein!!! - Gemeinsam gegen Kindesmissbrauch
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Ein paar Worte zum Anfang

Objektiv betrachtet bin ich heute sicher eine Frau, die sich nicht mehr von anderen Menschen unterscheidet, als dies bei Individuen üblich ist.
Ich bin ein Mensch, der von anderen Personen als eher fröhlich, ruhig, ausgeglichen und vielleicht etwas nachdenklich beschrieben und empfunden wird, aber auch als sehr distanziert, verschlossen, skeptisch, misstrauisch, zielstrebig und ehrgeizig. Ich habe mit 18 Jahren die Schule abgeschlossen, danach mehrere Berufsausbildungen absolviert und arbeite nun in einem von diesen. Objektiv betrachtet bin ich also ein Mensch, der scheinbar mitten im Leben steht.

Aus meiner subjektiven Sicht bin ich jedoch ein sehr unsicherer Mensch mit sehr wenig Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Ein Mensch, der unsichtbare Wunden in sich trägt, von denen ich persönlich oft denke, dass sie niemals heilen werden.
Ich habe viele Jahre sehr gewalttätigen sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen durch verschiedene Täter erfahren, wurde zur Herstellung von kinderpornographischen Materialien benutzt und missbraucht, körperlich gequält, gedemütigt und misshandelt und habe nun, beginnend mit einem Strafverfahren gegen zunächst einen der Täter und mit therapeutischer Hilfe begonnen, die vergangenen Jahre aufzuarbeiten.

Manch einen Leser wird mein Bericht mit seinen Schilderungen vielleicht erschüttern, was dann vielleicht verschiedene Ursachen hat. Zum einen liegt es dann möglicherweise daran, dass jegliche (sexuelle) Gewalt gegen-, und (sexueller) Missbrauch von wehrlosen und körperlich ausgelieferten Kindern, bei vielen im hohen Maße moralische Empörung und menschliches Mitleid auslöst; zum anderen aber vielleicht auch daran, dass es Straftaten sind, die durch die sexualisierte Form nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei prinzipiell unbeteiligten Dritten, einen ganz intimen und empfindsamen Bereich betreffen, von dem man sich selber sicher nur schwerer distanzieren kann und den man in unserer Gesellschaft regelmäßig nicht in einer solchen Form offenbart, wie ich es hier nun tue.
Ich berichte in diesem Text in Ausschnitten über die Geschehnisse, meine Erlebnisse. Ich schreibe über den Missbrauch und über meine ganz subjektive Wahrnehmung in Bezug auf die Handlungen an und mit mir, in Bezug auf den/die Täter meine „Beziehung„ zu ihnen und darüber, wie ich als Opfer und Zeuge in einem Strafverfahren die Rechtsprechung und Strafverfolgung empfunden habe. Ich möchte mit diesem Text kein Mitleid rühren, aber auch nicht schonen. Ich möchte anderen Menschen glaubhaft machen, welcher unglaublichen Grausamkeit manche Jungen und Mädchen aller Gesellschaftsschichten, hinter manch verschlossener Tür täglich ausgeliefert sind. Ich möchte verdeutlichen, dass solche Taten in der Regel eine eigene, sehr grausame Dynamik entwickeln, die in manchen Fällen weder für die Täter, noch für die Opfer kontrollierbar ist. Ich möchte einen Einblick geben in die Situation eines Opfers, das zwischen dem staatlichen Bestreben, durch entsprechende Bestrafung der Täter dem zugefügten Leid Rechnung zu tragen, um dadurch nach seinen Möglichkeiten die Rechtsordnung wieder herzustellen und dem Norm und Wertesystem der Gesellschaft gerecht zu werden, und zwischen seinen individuellen Bedürfnissen und den Folgen der Tat, alleine die Balance und einen Weg finden muss, um das Erlebte zu verarbeiten und um zu Lernen, mit den Erinnerungen Leben zu können.

Der körperliche Missbrauch und seine Dynamik

Ich bin sehr früh von meiner Familie getrennt worden und in einer kinderlosen Pflegefamilie untergekommen. Den Grund hierfür möchte ich an dieser Stelle nicht eingehend vertiefen, da er für das, was im folgenden Inhalt dieses Textes werden soll, nur sekundäre Bedeutung hat.
Meine Pflegeeltern, waren nach außen unscheinbare Menschen. Ordentlich, freundlich und unauffällig etwas zurückgezogen lebend. Wenn ich sie aus meiner heutigen Sicht betrachte, führten sie eine sonderbare Beziehung, wenn man es überhaupt eine „Beziehung„ im partnerschaftlichen Sinne nennen konnte. Sie waren sehr distanziert zu einander, eher sachlich, und wenn sie sich mal näher kamen, stritten sie sehr viel. Zwischen ihnen war aus meiner kindlichen Sicht weder Nähe, noch Zärtlichkeit, was mich jedoch damals nicht wunderte, da ich solches von „zu Hause„ auch nicht kannte.
Meine Pflegemutter war viel, bzw. meistens außer Haus, da sie in einer Jugendeinrichtung arbeitete, in der sie als Betreuerin im Grunde 24 Stunden mit den Kindern/Jugendlichen zusammenlebte. Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke muss ich - wie bereits angesprochen- feststellen, dass der Missbrauch eine gewisse eigene Dynamik hatte, dass er sich steigerte und von mal zu mal, von Monat zu Monat grausamer wurde und immer andere, perversere „Qualitäten„ annahm; er/sie brauchten scheinbar immer mehr für ihren Kick.
Die ersten Übergriffe von Seiten meines Pflegevaters waren zunächst überwiegend von rein körperlicher und seelischer Gewalt geprägt und er schien Gefallen daran zu finden das Machtgefälle zwischen uns auszuleben. Ich beobachtete ihn viel, versuchte schon als Kind ihn, seine Reaktionen und sein Verhalten zu verstehen, versuchte zu begreifen, was „ich falsch„ machte, in der Hoffnung mich irgendwann so verhalten zu können, dass er mir nicht mehr weh tut. Doch da er bei jedem Versuch mich konform zu verhalten ein anderen Grund fand, mich durch Zufügung von Gewalt zu „bestrafen„, erschien mir bald die völlige Unterwerfung die einzige Möglichkeit zu sein, um zu überleben. Er schlug mich viel; mit der Hand, der Faust, mit einem Gürtel, mit Gegenständen. Hatten die Misshandlungen Verletzungen oder - zum Beispiel - Nasenbluten zur Folge und beschmierte ich dadurch mich oder andere Dinge ungewollt mit Blut, war dieses für ihn wieder einen Grund, um weiter zu strafen. Er sperrte mich in dunkle Räume und fand Befriedigung darin mich zu demütigen indem er zum Beispiel immer wieder irgendwelche Dinge auskippte oder beschmierte, ich mich ausziehen sollte und dann mit nacktem Körper alles wieder aufwischen, aufräumen musste. War ich fertig, kippte er neues aus, zur Strafe, weil ich es in seinen Augen nicht ordentlich genug aufgewischt hatte. Hatte ich ihn verärgert, so zerrte er mich oft ins Badezimmer. Ich musste mich ausziehen und in die Badewanne setzen und er duschte mich solange mit einem harten Strahl eiskalt ab, bis ich blaugefroren und meine Finger steif vor Kälte waren; oder er band mir die Hände auf den Rücken ließ bis zum Rand kaltes Wasser in die Badewanne einlaufen, drückte mich dann immer wieder unter Wasser und erfreute sich an meiner Angst. Ich sollte mich nackt in die Ecke des Wohnzimmers stellen und er starrte mich einfach an, machte sich über mich lustig. Ich schämte mich einfach nur. Er lies mich in einem kleinen Vorratsraum stundenlang auf Erbsen Knien und ich sollte immer wieder vor mich hin sagen : „ich bin eine kleine dreckige Schlampe und habe es nicht anders verdient„ oder: „ich bin genau so blöd, wie ich aussehe„ usw. Ganz „aus versehen„ drückte er dann manchmal seine Zigarette auf meinen Rücken aus, betonend, dass er mir nur ersparen wollte den Boden noch einmal von neuem wischen zu müssen, und dass er sie aus diesem Grund nicht dort austreten würde. Solche Stunden wurden zur Qual.
Varianten der Demütigungen hatte er viele, diese alle aufzuführen würde den Rahmen sprengen. Er tat es nicht jeden Tag, es gab auch durchaus Tage an denen er mich in ruhe lies. Ja, es gab zu beginn unserer Zeit sogar auch Tage, da verstanden wir uns „recht gut„, Tage an denen ich mir sogar zum Beispiel wünschen durfte, was ich zum Abendessen möchte oder an denen er mit mir ein Eis essen ging, an denen er mir ein kleines Geschenk mitbrachte. Die „Beziehung„ zwischen uns war jedoch auch an solchen Tagen sehr angespannt und sehr von dem Gefühl der Abhängigkeit geprägt, da ich ihm für alles, auch für Selbstverständlichkeiten, ein hohes Maß an Dankbarkeit entgegen bringen musste, um ihm keinen Grund zu geben, mich für meine „Undankbarkeit„ zu strafen. Schwierig war für mich jedoch herauszufinden, welche Geste der Dankbarkeit an diesem Tage nun die richtige war, denn auch das variierte stark. Innerhalb von Momenten schien er sein Gesicht, sein Wesen zu verändern. Es war für mich unberechenbar und nicht, bzw. oft nur schwer einzuschätzen, wann er wütend wurde, da es manchmal von einem Augenblick auf den anderen geschah, woran ich mir damals als Kind dann selber die Schuld gab. Ich versuchte zu verstehen, was ich an Tagen an denen er „nett„ war, in seinen Augen wohl richtig gemacht hatte, denn es musste ja einen Grund haben, dass er an solchen Tagen keinen Anlass sah mich zu bestrafen. Manchmal glaubte ich sogar ein Muster zu erkennen, das sich in der Folgezeit dann aber selten bestätigte. Nur ein Muster schien sich, zumindest in der Beziehung zwischen uns beiden, immer wieder zu widerhohlen. Je mehr ich ihn rührte, sodass so etwas wie „Nähe„ zwischen uns entstand; je mehr ich „Kind„ war, mit Schwäche und Emotionen auf seine Handlungen reagierte, je unbarmherziger wurde er. Schaffte ich es stumm zu bleiben und mich ihm emotionslos, wie eine Puppe zu unterwerfen, verlor er - sofern er mit mir alleine war - scheinbar schneller die Lust an seinen eigenen Spielen. Es dauerte nicht lange, da hatte ich das Bild das er mir von mir vermittelte, mir spiegelte, so verinnerlicht, dass ich selber glaubte, eine „kleine dreckige Schlampe„ zu sein, eine niedere Existenz ohne Rechte, ein Kind, dass es nicht anders verdient hatte. Ich begann mich und meinen Körper selber ekelhaft zu finden, entwickelte einen Selbsthass, der in seinem Tun und Handeln Bestätigung fand, sodass ich irgendwann nicht mehr wusste, wer von uns „Unrecht„ tut. Ich erinnere mich, dass er einmal, nach einer oben kurz umschriebenen Duscharie, vor mir im Badezimmer auf die Knie ging und weinte. Er hielt sich die Hände vor das Gesicht und sagte es würde ihm Leid tun, ich sei ein „feines Mädchen„, aber ich hätte Schuld an allem, denn wenn er mich sehe, dann könne er nicht anders, er hätte dann den Zwang in sich mich „zerbrechen zu müssen„. Ich kauerte mich neben ihn, fühlte mich schuldig, fühlte mich mit meinen elf Jahren für ihn und sein Tun verantwortlich. Ich empfand in diesem Augenblick Sympathie und Mitleid für ihn, es tat mir Leid, dass ich ihn zu so etwas zwang und weinte mit ihm. Ich hoffte, dass nun alles vorbei wäre, dass er nun aufhört, mir sagt, was ich falsch mache, mir sagt, was es an mir ist, dass ihn dazu zwingt mich zu quälen. Letzteres weiß ich bis heute nicht, doch wusste ich bald, dass dies alles nur der harmlose Anfang war.

Die Zeit der sexuellen und gewalttätigen Übergriffe.

Bald kamen zu der körperlichen/seelischen Gewalt sexuelle Übergriffe hinzu und er brauchte dabei immer das Gefühl mich unterworfen zu haben. Ich musste ihn zunächst „nur„ befriedigen, meistens in Form von Oralverkehr. Oft fesselte er mir dabei die Hände auf den Rücken oder legte mir einen Gürtel um den Hals und befestigte meine Hände oder Füße in einer Art und Weise an diesem, dass ich mich selber würgte, wenn ich mich bewegte. Das Fesseln war eine „Spielart„ von ihm, die er später in den verschiedensten Varianten auslebte. Oder aber er befriedigte sich selber, während er mich anderwärtig demütigte. Für mich war dieser Übergang nahtlos und da er seine Aufforderung zur sexuellen Befriedigung oft in Sätzen wie „nun sein mal ein bisschen lieb zu mir„ oder „ nun verwöhne mich mal ein bisschen„ verpackte, hatte ich zu beginn noch das Gefühl ein Verhalten gefunden zu haben mit dem ich ihm von der Zufügung von körperlicher Gewalt abhielt. Er beschuldigte mich meist ihn zu provozieren, schuf aber immer Situationen, in denen ich gar nicht anders konnte. Zum Beispiel nahm er, wenn ich duschte meine Kleidung aus dem Badezimmer, sodass ich nichts mehr zum anziehen dort hatte. Ich hatte Angst, so, nur in ein Handtuch gehüllt, das Badezimmer zu verlassen, doch irgendwann drängte er dazu und sagte dann: „du brauchst es wohl mal wieder, wenn du in einem solchen Aufzug durch das Haus läufst, darfst du dich nicht wundern Kleine.„ Wenn ich für die Schule Vokabeln lernen musste, fragte er mich manchmal ab. Für jede richtige Vokabel bekam ich einen Strich auf meinen Zettel, für jede falsche Antwort er. Wer am Ende am meisten Striche gesammelt hatte, hatte gewonnen und durfte sozusagen das Abendprogramm gestallten. Er fragte meist Vokabeln, die ich gar nicht wissen konnte, verriet mir aber auch nie deren wahre Bedeutung und da ich wusste, was für ein Abendprogramm auf mich wartete, war ich nach kurzer Zeit meist so blockiert, dass ich die einfachsten Vokabeln nicht übersetzen konnten.
Dieses Spiel gewann ich nie, die „Abendprogramme„ gestaltete er.
Er arbeitete sehr viel mit gezielten Schuldzuweisung, hatte später zum Beispiel die Eigenart mich zu fragen :„na Kleine, wie möchtest du es denn gerne?„. Er fand gefallen daran, mir dann im Zusammenhang mit einer solchen Frage, seine Missbrauchsphantasien zu erzählen und mir damit Angst zu machen und ich sollte mich dann durch Schweigen oder durch Reden für eine seiner Varianten entscheiden. Meistens blieb ich stumm, jedoch hatte ich dadurch konkludent gewählt und hinterher sagte er mir dann immer wieder, dass ich selber Schuld sei, es ja so gewollt, gewählt hätte, mir die Handlungen ja selber ausgesucht hätte. Wieder ein Indiz dafür, dass ich in seinen Augen eine kleine Hure war.

Ich war noch nicht 12 Jahre, als er mich das erste Mal vergewaltigte.
Er kam nachts in mein Kinderzimmer, nur mit einem Bademantel bekleidet. Ich hörte seine Schritte schon auf der Treppe, stellte mich schlafend, weiß noch, dass ich nach meinen Teddy griff und mich in meinem Bett ganz klein machte. Er machte mich „wach„ saß in Kopfhöhe auf der Bettkante, nahm einen Strick und fesselte meine Hände kopfüber an das Bett und wollte dann, dass ich ihn befriedige. Da ich gefesselt war, wusste ich jedoch nicht wie, versuchte verzweifelt meine Hand aus der Schlaufe zu ziehen, als er sagte: „Nagut, wenn du es nicht machst, dann muss ich es eben selber tun„... ... Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt ja schon eine Menge mit ihm erlebt, aber das war das furchtbarste, demütigenste und schmerzhafteste, was er mir bis dahin angetan hatte. Die Tage danach, war ich vollkommen verstört, verschreckt, verzweifelt. Ich verstand im Grunde noch nicht wirklich, was dabei genau mit mir passierte, wusste nur, dass es unsagbar weh tut, mich anekelt, mich demütigt und das mehr, als alles was er zuvor mit mir gemacht, von mir verlangt hat. Er fand in den folgenden Jahren immer mehr Spaß daran, mich an seinen sexuellen und gewalttätigen Phantasien teilhaben zu lassen, mir zu erzählen, was er sich für Spielchen vorstellt, gerne noch alles mit mir machen würde, um mir damit Angst zu machen. Er erzählte in seinen Phantasien auch von seiner Lust zu töten und baute später in manche Situation, in der er oder andere mich missbrauchten oder quälten, Sätze ein wie:„ na süße.... weißt du, was ich jetzt gerne tun würde?...„ ja sicher wusste ich das, und ich hatte Todesangst.
In der Zeit nach der ersten Vergewaltigung versuchte ich mich dennoch - ein letztes Mal - vermehrt gegen ihn aufzulehnen, vorwiegend durch Ungehorsam. Ich gab patzige Antworten oder redete gar nicht, kam nicht oder zu spät nach Hause, schwänzte die Schule, machte bewusst Dinge die ihn verärgerten und versuchte mich dann durch Weglaufen oder durch Fernbleiben ihm zu entziehen. Ich schlief dann zum Beispiel bei Freundinnen und log deren Eltern an indem ich sagte, ich hätte ihn gefragt und ich dürfte dies. Kurzum: ich provozierte ihn.
Warum ich das tat?
Ich weiß es nicht; ich konnte mir - zu diesem Zeitpunkt- keine weitere Steigerung der Quälereien vorstellen.
Doch dann folgte ein Schlüsselerlebnis, dass sicher mit dazu beigetragen hat, dass in der Folgezeit „simple„ Drohungen seinerseits ausreichten, um mich einzuschüchtern.
Ich hatte ein kleines Kätzchen geschenkt bekommen, es war erst einige Wochen bei mir, kannte aber schon all meine verzweifelten Gedanken. Dieses Tier wurde schnell zu meinem einzigen Freund im Hause. Ich hatte die Anweisung an diesem Abend um 18.oo Uhr zu Hause zu sein, doch ich blieb weg, ging gleich nach der Schule zu einem Mädchen aus der Nachbarschaft und schlief dort. Als ich am nächsten Mittag nach der Schule nach Hause kam, saß er im Wohnzimmer auf dem Sessel, meine Katze auf dem Schoss. Er streichelte sie, sie schnurrte vor sich hin. Er war wütend, stellte mich zur Rede. Ich sollte mich setzen, erzählen wo ich gewesen war. Ich antwortete ihm nicht auf seine Frage, sagte nur, er soll meine Katze los lassen, es sein meine und ich würde nicht zulassen, das er ihr weh tut. Er grinste zynisch, griff von unten um den Hals des kleinen Tieres und drehte ihr mit einen kräftigen Ruck den Hals nach hinten. Sie sagte kein Mucks, war gleich Tod. Wie starr saß ich auf dem Sessel; er stand auf, legte mir das tote Katzenkind auf den Schoß. Es blutete aus Mund und Nase, war schlaff und im Gesicht bald blutverschmiert. Er sagte: „so Süße und von nun an wollen wir uns doch nicht mehr so oft streiten oder?„ Diese Botschaft hatte ich verstanden und dieser Satz wurde zwischen uns zu einem Synonym für:„ wenn du dich nicht gefügig zeigst, bringe ich dich um!„. An diesem Abend holte er dann, als Strafe dafür, dass er meinetwegen die Katze töten musste, das mit mir nach, was eigentlich Programm am Abends des Vortage gewesen wäre.
Als ich am nächsten Tag zur Schule wollte stand im Fahrradschuppen neben meinem Fahrrad ein offener Schuhkarton. Darin das Kätzchen. Erst in dem Augenblick begriff ich wirklich, was er getan hatte und ich fühlte mich schuldig, wusste, dass ich die Schuld an ihrem Tod hatte, weil ich nicht gehorchte und wusste, dass sie sterben musste, weil ich sie „lieb„ gehabt hatte. Ich hatte das Gefühl, dass die Strafe, die ich von ihm in der vergangenen Nacht dafür bekommen hatte, nicht genug Strafe war; ich bekam das Gefühl, dass ich nichts „gerne„ oder „lieb„ haben durfte, dass er dieses, egal was/wer es wäre dann zerstören würde. Ich fuhr nicht zur Schule. Legte den Karton mit weichen Strümpfen und einem Handtuch aus, tat noch ein kleines Kuscheltier dazu und einen Brief, indem ich mich bei dem Kätzchen entschuldigte, ihr schrieb, dass ich das nicht wollte, dass ich sie doch „lieb„ hatte und fuhr mit dem toten Tier in den Wald. Ich suchte dort einen schönen Platz und begrub sie. An diesen Ort kehrte ich immer wieder zurück und erzählte alles was geschah. Heute, viele Jahre danach habe ich diesen Ort für mich widerentdeckt, spaziere des öfteren dort hin und lasse Kummer und Ärger dort.
So lernte ich schnell, ihm und niemand anderen zu zeigen, wenn ich etwas gerne oder sogar lieb hatte, aus Angst, ich würde es dann verlieren oder es müsste dann leiden.
Ein ähnliches Erlebnis gab es mit einem Hasen. Diesen Hasen bekam ich von ihm geschenkt, nicht lange nachdem die Katze tot war. Ich schloss auch dieses Tier schnell in mein Herz, er war so sanft, sein weiches Fell fühlte sich für mich ganz besonders schön an, doch versuchte ich mich nach außen so distanziert als möglich zu dem Tier zu verhalten. Als ich eines Tages - es war Pfingsten - aus der Schule kam, standen im Fahrradschuppen zwei Eimer. Einer war voll Blut, darüber hing ein Tier. In dem zweiten Eimer lag das blutverschmierte Fell. Es dauerte eine Weile bis ich begriff, dass dieses Tier mein Hase war, denn es sah mit dem abgezogenen Fell nicht mehr aus wie ein solcher. Ich kauerte mich neben den Eimer mit dem Fell und streichelte noch einmal drüber. Ich war verzweifelt, denn ich wusste nicht, warum er nun sterben musste, was ich wieder falsch gemacht hatte. Beim Abendbrot erzählte er dann, wie er den Hasen geschlachtet hatte, wie er gezappelt hat, als er ihn an den Füßen aufhängte und ich weiß noch heute wie er sagte, dass er gar nicht gewusst hätte, dass Hasen schreien, wenn man ihnen das Fell abzieht. Er warf mir vor, dass ich den Hasen ja eh nicht gemocht hätte und dass er deshalb beschlossen habe, dass es Pfingsten Hasenbraten geben sollte. Pfingsten gab es Hasen und er zwang mich ihn zu essen. Ich weigerte mich zunächst, denn die Vorstellung meinen eigenen Hasen, der aufgrund meines Verhaltens sterben und leiden musste zu essen, konnte ich nicht ertragen. Er sagte:„ Kleine, Du isst jetzt das Fleisch!„ und sagte, dass es Länder gäbe, in denen würden auch ungehorsame Kinder an den Füßen aufgehängt werden. Aus diesem Satz hörte ich wieder heraus:„ wenn Du nicht gehorchst, bringe ich dich um!„. Ich aß ein Stück von dem Fleisch, doch kaum hatte ich es runter geschluckt musste ich mich übergeben, was ihn amüsierte. In der Folgezeit sagte er mir immer wieder, dass ich es nicht wert sei, dass man mich mögen, mich gerne haben würde, dass ich es nicht wert sei, dass man mir vertraut, denn der Hase hätte mich gemocht und mir vertraut und ich hätte ihn gegessen. Auch für das Blut des Tieres hatte er im folgenden, im Rahmen seiner perversen Spielchen, Verwendung, doch denke ich, dass diese Erläuterung an dieser Stelle den Rahmen sprengt.

Der Missbrauch, der mit ihm alleine stattfand war nicht immer in der Form gewalttätig wie ich es bisher beschrieben habe. Manchmal reichte ihm die bloße sexuelle Befriedigung und dann lies er mich schon in Ruhe. Er wollte auch immer gerne, so nebenbei befriedigt werden, während des Essens, im Auto, bei einem Spielfilm oder später im Beisein der anderen Männer, während sie sich unterhielten, Bier tranken und zusahen.

Es war an einem Weihnachtsabend, als es das erste Mal zu Übergriffen durch einen anderen Mann kam. Heute weiß ich, dass dieser Abend sozusagen mein Casting war, dass dieser Mann kam, um mich zu sehen und scheinbar um zu testen, ob ich für die folgenden Filmprojekte geeignet war. Es schneite. Ich saß in meinem Zimmer über meinen Hausaufgaben, hörte den Weihnachtsgrüßen zu, die Menschen übers Radio verschickten und wünschte mir so sehnlichst, dass unerwarteter Weise ein Gruß meiner Eltern für mich dabei wäre, einfach nur um zu wissen, dass sie mich nicht vergessen haben, dass sie nicht böse auf mich sind, denn diese Illusion brauchte ich. In meinen Gedanken hatte ich sie wie heilige auf einen Sockel gehoben und stellte mir oft vor, wie schön mein Leben mit ihnen vielleicht hätte sein können. Ich hörte Schritte auf der Treppe und mein Pflegevater stand mit einem fremden Mann in der Tür und sagte nur, er habe mir Besuch mitgebracht, jemanden, der einmal mit mir „plaudern„ wolle, ich solle mich anständig benehmen, sonst würde er sehr böse werden. Er lies mich dann mit diesem Mann alleine. Ich war verschreckt, verunsichert, sah den Mann an, sah seinen Blick und ahnte gleich was dieser wohl von mir wollte. Er kam auf mich zu, ich sprang auf, drängte mich in die äußerste Ecke des Raumes. Er setzte sich auf mein Bett und sagte in einem recht freundlichen Ton: „na, komm mal her Süße, was bist du denn so schreckhaft„. Er sagte, er habe gehört, dass ich – mittlerweile wieder ein Kaninchen- ein Tier hätte und ich solle ihm ein wenig davon erzählen. Ich starrte ihn an, dann auf den Boden, schwieg und schüttelte den Kopf. Er musterte mich, meinen Körper und sagte er hätte gehört, was „ich„ mit meinem Pflegevater machen würde. Er sagte, dass er ihm nicht glauben wollte, dass ein kleines Mädchen mit 11 Jahren schon so etwas macht, aber nun, da er mich sieht, wäre er überzeugt, dass das wohl stimmen muss. Er schüttelte den Kopf und redete vor sich hin, was wohl meine Eltern von mir denken würden, würden sie das wissen. Sie würden sich für mich schämen, wären sicher wütend auf mich und würden nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Kein Mensch würde mehr was mit mir zu tun haben wollen, denn es gäbe wohl kaum Menschen, die sich dann nicht vor mir ekeln würden. Er sagte:„ du weißt doch, dass es verboten ist, dass Kinder so etwas tun oder?„ Er sagte nicht : „es ist verboten, dass Erwachsene so etwas mit Kindern tun„, dass sie dafür bestraft werden, sondern dass Kinder dafür von der „Polizei„ bestraft würden, wenn sie so etwas mit Erwachsenen tun. Ich war verzweifelt, denn dass ich für das, was mein Pflegevater mit mir tat auch noch von der Polizei bestraft werden würde, machte mir in dem Moment unsagbare Angst und ich wusste nicht, was ich tun konnte, damit mich niemand mehr bestraft. Ich wollte das alles nicht, hatte aber viel zuviel Angst vor den Strafen die drohten, wenn ich es nicht tat und bekam nun Angst vor der Strafe die ich bekommen würde, weil ich das getan hatte. Die einzige Lösung war: alles zu ertragen und nichts und niemanden etwas zu sagen. Es war ein Konflikt, der für mich in der Situation, in dem Alter anders nicht lösbar war, ich war auch einfach noch zu jung. Der Mann sagte, ich hätte einen Tintenfleck auf der Hose und solle diese ausziehen. Ich zog meinen Gürtel so eng zu wie es ging gucke ihn nicht mehr an, kauerte mich in die Ecke. Ich war stur, hatte auch Angst und schämte mich. Ich wusste nicht wohin, hatte in mir einen Fluchtinstinkt, blieb aber wie versteinert in der Ecke sitzen, fiel wieder in meine Mausestarre, die mich so oft handlungsunfähig machte. Ja, dieser Zustand glich dem Todstellreflex einer Maus, die anstatt wegzulaufen vor der Katze sitzen bleibt und auf ihren Tod wartet, weil sie vielleicht instinktiv schon weiß, dass das Weglaufen eh wenig Sinn hat. So geduldig wie an jenem ersten Abend war dieser Mann im folgenden eigentlich nicht mehr, doch auch jetzt hatte seine Geduld ein Ende. Er stand auf, griff mich am Arm, zog mich aufs Bett. Ich versuchte ihn von mir wegzudrücken, schrie, sagte, dass ich das nicht will, dass er mich in Ruhe lassen soll, wieder weg gehen soll, sagte, dass er lügt, dass meine Eltern mich gern hätten. Er zog mir an den Haaren den Kopf nach hinten und sagte: „ so meine süße, und warum wollten sie dich dann nicht mehr? wenn du noch einmal so schreist, dann werde ich sehr ärgerlich und dass du das nicht willst, dass wird dir keiner glauben, man sieht dir schon an, was für ein verlogenes Kind du bist.„ Ich hörte dass Geräusch seines Hosenreisverschlusses, spürte seinen festen Griff in meinem Nacken, er drückte meine Kopf runter und sagte sinngemäß: „so und zur Strafe bist du jetzt mal etwas lieb zu mir, wir wollen uns doch auch in Zukunft gut verstehen.„ Dieser Satz bedeutete für mich in dem Moment genauso viel wie: „wir wollen uns doch in Zukunft nicht mehr streiten oder?„ Es war nur ein weiteres Synonym für:„ wenn du dich wehrst, bring ich dich um!„
Nicht lange danach lernte ich seinen Keller kennen, der Ort an dem später die meisten der pornographischen Videobänder gedreht wurden.
Es war nach einer Klassenfahrt. Ich war mit meiner Schulklasse 5 Tage im Schwarzwald. In diesen 5 Tagen hatte ich mich fast ein wenig erholt. Tagsüber konnte ich das bis dahin erlebte auf sonderbare Weise ausblenden, konnte sogar ein wenig fröhlich sein. Ich fühlte mich wohl dort. Nur abends holte mich vieles wieder ein. Ich mochte mich nicht vor den anderen Kindern um- oder ausziehen, mochte keinen Schlafanzug anziehen, nicht mit ihnen duschen gehen, was den anderen Kindern einen Grund gab mich „aufzuziehen„ und was sie - wie Kinder halt sind- meinem Klassenlehrer natürlich erzählten. Ich erinnere mich noch, dass dieser auf dieser Reise immer wieder versuchte mich zur Seite zu nehmen, mit mir ins Gespräch zu kommen. Ich fühlte mich von ihm sehr beobachtet und bedrängt und blocke vollkommen ab. Ich hatte zwar das Gefühl, dass er mir nichts böses möchte, doch mein Misstrauen war größer und ich hatte Angst davor, dass „auch er„ mir ansehen würde, was zu Hause geschah. Ich hatte Angst, dass ich dann, wenn er erfahren würde was„ ich„ zu Hause schlimmes tat, vielleicht nicht mehr in der Schule, in meiner Klasse sein dürfte, denn die regelmäßige Gehirnwäsche die mir suggerieren sollte, dass ich diejenige war, die Schuld an den Übergriffen hat, trug mittlerweile reife Früchte. Vielleicht hätte diese Reise nur ein paar Tage länger sein müssen; vielleicht hätte ich dann, auch heraus aus der Verzweiflung über die Hänseleien der Klassenkammeraden versucht, ihm zu erzählen, warum ich mich nicht ausziehen und nicht mit den anderen Kindern duschen mochte. Diese/meine erste Chance hatte ich somit möglicherweise vertan. Mein Pflegevater holte mich vom Bahnhof ab. Ich stieg als letzte aus, sah wie meine Klassenkammeraden ihren Eltern in die Arme fielen; alle schienen glücklich wieder zu Hause zu sein. Ich sah, dass er kurz im Gespräch mit meinem Klassenlehrer war, als ich dazukam war das Gespräch der beiden Männer jedoch beendet und mein Pflegevater sagte, er würde sich mir ihm in Verbindung setzen. Er war sehr nett zu mir. Sagte, er habe mich vermisst und verlangte von mir, dass ich gleiches erwidere. Er nahm mir die Tasche ab, fragte mich, wie die Klassenreise war. Ich sagte nur: „es war gut.„ Und ging neben ihm her zum Auto. Im Auto fragte er mich, was ich denn schon wieder angestellt hätte, warum mein Klassenlehrer mit ihm ein Gespräch wolle, meinte dann aber, dass das ja nicht schlimmer sein könnte als das, was ich sonst so anstelle.
Er fuhr mit mir nicht gleich nach Hause, hielt vor einem Haus, nicht weit vom Bahnhof. Er fuhr auf das Grundstück, es war ein großes Haus mit einem großen Garten, die Auffahrt endete abschüssig in einer Garage auf Kellerebene. Er hatte für das Garagentor scheinbar einen Automatikschalten, denn hinter uns ging es zu. Er sah mich einen Moment an, nicht böse sondern fast ein wenig freundlich und nachdenklich und sagte dann: „na Kleine, dann wollen wir mal„ und forderte mich auf auszusteigen. Ich blieb sitzen, wollte nicht aussteigen, wollte einfach nur nach Hause und alleine sein. Er packte mich mit festem Griff am Arm, sagte: „du steigst jetzt hier aus! oder wollen wir uns am ersten Abend gleich wieder streiten?„ Dieses war wieder einer der Momente indem er - aus meiner kindlichen Sicht - innerhalb eines kurzen Augenblickes sein Wesen veränderte. Er schob mich vor sich her, es war dämmriges Licht. Wir gingen durch eine schwere metallene Kellertür, gingen durch einen dunklen Keller eine Treppe hinauf, gelangten in den Wohnbereich des Hauses und gingen zielstrebig in das Wohnzimmer. Als ich sah, wer hier wohnte stieg meine Angst ins unermessliche; es war der Mann der mich nicht lange zuvor in meinem Zimmer „besuchte„. Er war freundlich, begrüßte meinen Pflegevater sah mich aber nicht richtig an, sagte nur im Vorbeigehen: „Na Süße, das ist aber schön, dass du mich nun auch mal hier besuchst.„ Ich sollte mich auf das Wohnzimmersofa setzen, saß dann dort wie versteinert, ich weiß nicht wie lange. Ich starrte auf den Boden und zählte immer wieder vom neuen die Fransen an der Teppichkante. Mal in Einer-, mal in Zweier-, mal in Dreierschritten. Die Männer unterhielten sich, tranken Bier, nahmen wenig Notiz von mir. Ich hörte nicht zu, dachte, je leiser und unauffälliger ich bin, um so weniger nehmen sie mich wahr, um so weniger würde ich sie verärgern, um so weniger könnte ich etwas falsch machen, um so weniger würden sie mir vielleicht was antun. Ich konnte die Situation überhaupt nicht einordnen, diese war neu für mich, ein fremdes Haus, dieser Mann. Der Hausherr sprach mich irgendwann an: „Na Süße? Es ist langweilig für dich hier oder?„. Ich schüttelte den Kopf, sagte nichts. Sie schickten mich runter in den Keller. Wenn ich sonst schon zu nichts anständigen zu gebrauchen wäre, sollte nun wenigsten ein paar Getränke nach oben hohlen. Er erklärte mir in welchem Raum im Keller die Getränke wären, aber ich solle mich beeilen, denn er würde trödelnde Kinder hassen und grinste.
Ich ging in den Kellerraum den er beschrieb, konnte jedoch den Lichtschalter nicht finden, denn dieser war - entgegen seinen Angaben - außerhalb des Raumes. Ich suchte im Dunklen nach den Getränkekisten, konnte aber solche ebenfalls nicht entdecken, weil dort auch keine waren. Auf einmal ging das Licht an. Die beiden Männer standen in der Tür. Es war kein Getränkekeller, es war ein großer Raum. Ein Raum der später viele Gesichter hatte, der an diesem Abend aber eher aussah wie ein Wäschekeller. Es standen Wäscheständer herum, Wäschekörbe. An der Wand lagen übereinandergelegte Matratzen, in der Ecke ein Sessel und Klappstühle; ein kleines Kellerfenster hatte dieser Raum. An der einen Wandseite hing ein großes blaues Laken von der Decke bis zum Boden, in der Ecke standen zwei Stative, auf dem einen war eine Kamera. „Na Süße„ sagte der Hausherr, hab ich mir doch gedacht, dass dir „geilen Maus„ langweilig ist.„ Mein Pflegevater hielt sich zurück. Im beisein von speziell diesem Mann, war er selber eher der passivere Teil, schien sich ihm irgendwie unterzuordnen. Bei anderen Männer war das - später - nicht so. Ich sollte mich ausziehen. Ich war stur, tat es nicht. Ich hatte doch grade auf der Klassenfahrt die Erfahrung gemacht, dass mich niemand dazu zwang, wenn ich nur lange genug „bockig„ blieb. Dem war hier nicht so. Dieser Mann war einfach nur grausam. Mein Pflegevater war es nicht weniger, doch hatte dieser manchmal auch weiche Züge an sich. Vielleicht kam mir dies‘ aber auch nur so vor, da ich ihn schon „besser„/länger kannte und mit ihm auch meinen Alltag verbrachte. Sie schlugen mich, zogen mich aus, drehten mir die Arme auf den Rücken, fesselten mir die Hände zusammen. Er steckte mir ein Tuch in den Mund, zog mir wieder den Kopf an den Haaren in den Nacken und sagt:„ pass mal auf meine Kleine, wenn du jetzt mitmachst, dann passiert dir nichts, dann haben wir drei nur ein wenig Spaß mit einander. Machst du hier Theater, dann muss ich leider böse werden und dann geht es dir, wie deinem armen kleinen Kätzchen„. Ich war erschrocken, dass er die Begebenheit mit meinem Kätzchen wusste. Ich rührte mich nicht mehr, lag wie versteinert auf dem Bauch auf dieser Matratze und starrte die Wäschekörbe an, versuchte mich abzulenken, überlegte kurz, wer wohl die ganze Wäsche dort zusammenlegen musste. An diesem Abend wurde – so glaube ich - noch nicht gefilmt, zumindest hatte keiner die Kamera in der Hand. Sie vergewaltigten mich in allen nur denkbaren Variationen, wie lange es dauerte, ich weiß es nicht. Mit dem Tuch im Mund bekam ich kaum Luft, ich hatte einfach nur schmerzen, bis das passierte, was ich später in bestimmten Situationen nahezu in Perfektion beherrschte, was mir heute manchmal auch noch „passiert„, worunter ich heute sehr leide, was mir damals aber das Leben leichter machte. Ich schaltete in einer Art und Weise ab, dass ich manches mal wie „neben mir„ stand, mein Körper war dann taub, ich spürte die Berührungen, die Schläge nur noch ganz dumpf, so als wäre ich in Watte gewickelt, oder ich spürte gar nichts mehr, war dann nicht mehr „bei mir„, nicht mehr „dabei„. Manchmal hatte ich nach diesen Zuständen auch richtige Erinnerungslücken. Zu Anfang „passierte„ es mir oft in Situationen, die für mich durch Angst oder Schmerzen nahezu unaushaltbar waren, dieser Zustand stellte sich dann einfach ein. Auch wenn es sich sonderbar anhört, so konnte ich jedoch später diesen Zustand selber hervorrufen, indem ich etwas anstarrte und mich ganz feste drauf konzentrierte. Anstarren, durchstarren und „weg„. Ich konnte das Hervorrufen dieses Zustandes manchmal in gewisser Weise steuern, nur konnte ich ihn nicht aus eigener Kraft beenden. Irgendwann war es dann einfach zuende, irgendwann kam ich dann wieder richtig zu mir und spürte dann auch wieder die Schmerzen. Schwierig war dieses Abschalten für mich nur, wenn sie mir dabei die Augen verbanden, dann gelang mir dies nicht, oder nur selten, da ich nichts sehen konnte und vielleicht aus diesem Grunde von meinen Sinnen her zu sehr auf die Täter gerichtet war.
Als ich an diesem Abend wieder richtig zu mir kam, waren die Männer nicht mehr in dem Raum. Ich lag noch auf den Matratzen, nackt, die Hände noch zusammengebunden, das Tuch hatten sie mir aus dem Mund genommen. Ich hatte Nasenbluten, es war alles voller Blut, mir tat alles weh, mir war kalt, ich war vollkommen kraftlos, erschöpft und verzweifelt, weinte in mich hinein, ganz leise, damit mich niemand hört.
Irgendwann am frühen Morgen kam der Mann zu mir, löste die Fesseln, ich war durchgefroren, steif, vollkommen verängstigt, erschöpft. Er nahm mich am Arm, zog mich aus dem Raum. Zwei Räume weiter war ein kleines Badezimmer. Ich sollte mich duschen und anziehen, was ich auch tat, doch bekam ich den Ekel den ich empfand und ihren Geruch von Schweiß, Aftershave und Sperma nicht abgewaschen. Da er nicht sage, was ich nach dem Duschen machen sollte, blieb ich einfach in dem kleinen Badezimmer sitzen und zählte die Fliesen an der wand. Immer und immer wieder. Ich versuchte noch nicht einmal die Tür zu öffnen, sie war nicht verschlossen. Vielleicht hätte ich sogar aus dem Raum, aus dem Keller weglaufen können. Aber wohin? So blieb ich sitzen, bis er mich abholte, mit nach oben nahm, mir was zu essen gab. Dann fuhren wir endlich nach Hause.

In diesen Kellerräumen spielte sich in Bezug auf die pornografischen Aufnahmen in den folgenden Jahren das Hauptgeschehen ab, weitere Einzelheiten sind -denke ich- nicht wirklich wichtig und sprengen in ihrer Vielfalt den Rahmen. Hier wurde gefilmt, vergewaltigt, gefesselt, sadistisch- und filmgerecht gequält. Es waren nicht immer die gleichen Männer, die mich dort vergewaltigt haben, aber es waren meisten mehrere, zumindest immer zwei. Manchmal hatte ich das Gefühl, als sollten die Filme, wie auf Bestellung in einer ganz bestimmten Art und Weise sein, manchmal ließen sie sich einfach nur gehen und hatten scheinbar Spaß dabei es zu filmen. Mal hatten sie „ihren Spaß„ nacheinander, mal gleichzeitig, Variationen gab es - wie gesagt - viele. Manchmal verbanden sie mir dabei die Augen, sodass ich die Männer nicht sehen konnte, aber manch eine Stimme und manch ein Geruch hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Jeder Mann hatte seine Vorlieben, seine Eigenarten, seine eigene Art zu quälen. Sie betropften mich mit Wachs, drückten Zigaretten auf mir aus, schlugen, traten, urinierten auf mich, ließen sich befriedigen oder vergewaltigten in allen nur denkbaren Variationen und filmten dies. Jeder dieser Männer hatte scheinbar seine „Rolle„, seine Stellung in de Gruppe. Ich glaube, es führten immer die selben Regie, gaben Anweisungen. Ich glaube es waren auch immer die selben, die sich in einer bestimmten Art und Weise an mir abreagierten, die Täter schienen untereinander irgendwie eine Hierarchie zu haben. Mein Pflegevater geilte sich zu Hause oft an diesen Filmen auf und zwang mich sie mit anzusehen. Er setzte mir einen Kopfhörer auf und drehte den Ton so laut, dass mir das Stöhnen der Männer im Schädel dröhnte. Dies alles sehen und hören zu müssen war ganz furchtbar für mich, denn meine Wahrnehmung, meine Sicht der Dinge, der Situationen war schon schlimm genug, aber eine andere, als deren Sicht der Dinge, die die Bänder wiedergaben. Heute weiß ich, dass ich nicht das einzige Kind war, dass in diesem Keller gelitten hat, damals wusste ich das nicht. Ich glaube, ich selber war immer nur alleine dort, kann es aber nicht mit Sicherheit sagen.
Rein objektiv betrachtet war es nicht immer gleich „schlimm„, es gab auch durchaus Tage und Filmsequenzen bei denen es nicht zu sexuellen oder gewalttätigen Übergriffen kam, doch subjektiv waren manche Situationen trotzdem unaushaltbar.
So eines Tages, als es zu einer Filmsequenz kam, in der dem Konsument scheinbar suggeriert werden sollte, das Kind würde sterben. Mir sollte in Wahrheit nichts passieren, doch wusste ich das nicht und hatte Todesangst. In diesem Raum stand an diesem Tag eine Holztruhe. Eine Truhe, die einer kleinen Schuhkiste glich, die in manchen Fluren steht. Ich sollte mich ausziehen und in diese Kiste legen. Ich wehrte mich. Die Angst in dieser Kiste gefangen zu sein war einfach in diesem Moment größer, als die Angst vor den Männern. Der Hausherr schlug mich, schüttelte mich und schrie mich an: „leg dich in diese Kiste oder ich bring dich um!„ Es war einer der Moment in den ich abschloss, in denen ich mir sagte: „wenn du das geschafft hast, dann ist es endlich vorbei, dann bist du endlich tot, dann hört das alles endlich auf„. Ich legte mich in diese Kiste, sie war enger als ein Sarg, die Kamera lief. Auch wenn es sich möglicherweise etwas überspitzt anhört, aber ungefähr so stelle ich mir das Gefühl vor, dass vielleicht Strafgefangene haben, die die Todesstrafe erwartet und die auf dem Weg zur Hinrichtung ihren letzten Gang durch die Gefängnisflure antreten. Auch sie haben sicher mit dem Leben abgeschlossen und erhoffen sich in dem Tod ihren Frieden, manch einer freut sich vielleicht auch auf den Zustand des „Tod-Seins„ , was jedoch sicher auch bei ihnen bleibt, ist die wahnsinnige Angst vor dem ungewissen Vorgang des Sterbens an sich. Ich lag in der Kiste, der Deckel ging zu und ich hörte wie mein Pflegevater sagte: „du dreckige kleine Schlampe, niemand wird dich vermissen„. Es hämmerte auf dieser Kiste, es hörte sich an, als würden sie diese zunageln, was nicht so war. Es war nur für den Film, eine Endszene, die den Phantasien der Konsumenten vielleicht freien Lauf lassen sollte und die die Fortsetzung ahnen lies, dass diese Konsumenten irgendwann real sehen möchten, wie ein Kind umgebracht wird, was - meiner Meinung nach - sicher nur eine Frage des Geldes ist. Die Luft wurde knapp, ich hatte Todesangst, fing an zu schreien, bis der Deckel aufging. Ich war geblendet vom Licht, er zog an den Haaren meinen Kopf in den Nacken und schrie mich an:„ halt den Mund, sonst bring ich dich wirklich um!„ Also: die ganze Prozedur noch einmal. Ich blieb liegen, der Deckel schloss sich und wieder hörte ich wie er sagte: „du dreckige kleine Schlampe, niemand wird dich vermissen„. Wieder hämmerte es und ich versuchte vor lauter Angst so ruhig zu bleiben, wie es nur ging und flüsterte für mich vor mich hin: „du lügst, mein Kaninchen wird mich vermissen und meine Schulklasse, mein Kaninchen wird mich vermissen und auch meine Schulklasse, du lügst.... ...„ und ich betete, dass nun endlich ganz schnell der Tod käme. Die Kiste ging auf; sie nahmen keine weitere Notiz von mir. Ich weiß noch, dass ich ganz schnell dort rauskletterte, mich anzog und mich in die Ecke des Raumes hockte und immer wieder vor mich hinflüsterte: „du lügst, mein Kaninchen wird mich vermissen und meine Schulklasse, mein Kaninchen wird mich vermissen und auch meine Schulklasse, du lügst....„
An diesem Tage ließen sie mich dann in Ruhe.

Als ich anfing mich rein körperlich weiblich zu entwickeln wurde mein Selbsthass immer größer und ich versuchte mich selber für diese Entwicklung zu strafen, indem ich hungerte oder Nahrungsmittel, die ich aß wieder ausspuckte. Jedes Gramm an meinem Körper wurde zu einem Gramm mehr Weiblichkeit, die ich versuchte zu bekämpfen. Ich entwickelte einen extremen Waschzwang, wäre am liebste 4 mal am Tage unter die Dusche gegangen, um all den Ekel, den Dreck und ihren Geruch von mir abzuwaschen. Manchmal hatte ich beim Essen ganz normalen Nahrungsmitteln den Geschmack von Sperma auf der Zunge, sodass ich mich postwendend übergeben musste. Meine erste, mir bewusst und wirklich konkrete Möglichkeit Hilfe zu bekommen, war bei meinem ersten Gang zum Gynäkologen. Als ich mit 14 meine Regel bekam, bekam das mein Pflegevater natürlich sehr schnell mit. Ich selber war alleine schon mit dieser Tatsache schon überfordert, fand mich und meinen Körper von nun an noch ekelerregender als zuvor. Meinen unermüdlichen Kampf gegen mich selber, gegen die Weiblichkeit hatte ich verloren. Noch nicht mal meinen eigenen Körper konnte ich kontrollieren, war ihm ausgeliefert, da auch er scheinbar gegen mich arbeitete. So empfand ich damals diese, ja eigentlich normale, pubertäre Entwicklung. Er schickte mich mit meiner Pflegemutter zum Gynäkologen, ich sollte die Pille verschrieben bekommen. Warum er hierfür zunächst diesen offiziellen Weg gehen wollte ist mir heute selber ein Rätsel. Später organisierte er solche Präparate aus anderen Quellen. Ich bekam einen Termin in 7 oder 8 Wochen. In diesen Wochen ließen sie mich in Ruhe; zumindest tat mir niemand Gewalt an und ich kam fast ein klein wenig zur Ruhe. Der Gynäkologe war ein älterer Herr kurz vor der Rente. Meine Pflegemutter war bei dem Gespräch und der Untersuchung zunächst anwesend. Sicher wird sich vielleicht dem einen oder anderen Leser schon die Frage gestellt haben, was die Rolle meiner Pflegemutter war, ob sie von dem Missbrauch nichts wusste, oder ob es vielleicht gedeckt hat. Dies wusste ich lange Zeit selber nicht, bis es zu Situationen kam, in denen sie zufällig oder aus Versehen den Raum betrat, indem sich mein Pflegevater oder einer der anderen Männer an mir vergingen. Ich erinnere mich noch ganz genau an eine Begebenheit, in der sie reinkam, das Geschehen wahrnahm. Unsere Blicke kreuzten sich und ich sah sie verzweifelt an. Doch sie ging und schloss hinter sich die Tür. Der Gynäkologe wollte von ihr wissen, wieso sie es für notwendig hielt, dass ich die Pille bekommen sollte, denn normalerweise würde er das in meinem Alter nicht verschreiben, es sei denn es bestünde eine medizinische oder sonst ernstzunehmende Indikation. Sie erzählte ihm (sinngemäß), dass ich sehr schwierig wäre, sie viele Probleme mit mir hätten. Ich sei sehr schwer zu führen und schwer erziehbar, hätte viele Kontakte mit älteren „Jungs„, hätte mit einigen auch schon geschlafen und ich besäße nicht die geistige Reife verantwortungsvoll mit solchen Situationen umzugehen. So war ungefähr der Tenor des Gespräches, ich sagte dazu nichts, schämte mich für alles was sie sagte maßlos, wollte nur weg und starrte zu Boden. Vor der Untersuchung hatte ich wahnsinnige Angst, doch der Arzt war sehr ruhig, sachlich, es war dann doch schnell vorbei und objektiv „halb so schlimm„. Die subjektive Seite war jedoch wieder eine andere. Der Arzt sagte dann, dass er mit mir noch einmal alleine Reden wolle und schickte meine Pflegemutter raus. Ich schämte mich einfach nur, war verschüchtert und verschreckt. Er sah mich an und fragte ganz konkret und direkt, ob das, was ihm meine Pflegemutter gesagt hat, stimmen würde. Er sagte, dass er wüsste und gesehen hat, dass ich schon mit „Jungs„ oder Männern Verkehr gehabt hätte, doch er hätte nicht den Eindruck, als sei das alles freiwillig geschehen. Er hätte das Gefühl, dass mir irgendjemand sehr weh getan hätte. Ich war vollkommen erschrocken, hatte in dem Moment das Gefühl wie „ertappt„ zu sein, grade so, als hätte ich eine Straftat begangen und man(n) sei mir auf die Schliche gekommen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte keine Strafe, nicht von dem Arzt, nicht von meinem Pflegevater nicht von der Polizei, ein Konflikt, der wieder einmal unlösbar schien. Sicher hatte ich mit zunehmenden Alter auch begriffen, dass ich eigentlich nicht diejenige war, die Schuld hat, doch konnte ich es in meiner Situation und bezogen auf den Missbrauch nicht umsetzen. Die Prägung saß mittlerweile so tief, dass ich aus diesen Mustern, von denen auch zu einem ganz großen Teil heute noch nicht frei bin, alleine nicht raus kam. Ich war mit der Direktheit der Konfrontation überfordert, der Arzt und das Thema machten mir Angst. Er sah mich an und sagte sehr ernst und bestimmt weiter, dass das niemand dürfte, wenn ich das nicht selber wollte, dass ich ihm das sagen könnte und müsste. Ich dachte in dem Moment daran, dass ich immer gesagt bekam, dass mir niemand glauben wird, dass ich das nicht wollen würde, dass alle dann denken würden, dass ich lüge und wer lügt, bekommt natürlich auch wieder seine Strafe dafür. Er fragte, ob ich denn zur Zeit wirklich einen Freund hätte und da meine Anweisung war, auf eine solche Frage mit „ja„ zu antworten, nickte ich. Er fragte, ob ich mit ihm zusammen nicht noch mal vorbeikommen könnte; ich schüttelte den Kopf, fühlte mich in die Enge getrieben, denn es gab ja gar keinen „Freund„. Er fragte wie ich mich mit meinen Pflegeeltern verstehen würde, ob zu Hause alles soweit ganz gut laufen würde. Ich nickte, sagte ich wäre eigentlich glücklich dort, hätte nur viele Probleme mit mir selber und in der Schule. Aus diesem Grunde wäre halt immer sehr viel Streit zwischen uns. Ich denke, er glaubte mir nicht, aber es war zunächst o.k. für ihn. Er gab mir seine Karte, schrieb hinten noch seine private Telefonnummer drauf und sagte, dass ich ihn anrufen könnte, wenn ich Probleme hätte, bei denen er mir vielleicht helfen könnte. Ich durfte gehen und war froh dort raus zu sein, bekam die Pille verschrieben. Heute weiß ich, dass ich dort wahrscheinlich nur an der richtigen Stelle hätte nicken müssen und dann wäre vielleicht alles vorbei gewesen, dann hätte er Handhabe genug gehabt, um zum Beispiel das Jugendamt einzuschalten. Andererseits frage ich mich heute auch, ob das, was er so schon in der Hand hatte, nicht ausgereicht hätte, um offizielle Schritte einzuleiten. Sich in dieser Situation für konkretes Handeln oder Abwarten zu entscheiden, war sicher auch für ihn nicht leicht, doch hätte ich damals jemanden gebraucht, der den Mut gehabt hätte, diese Entscheidung für mich zu treffen. Den ganzen Tag habe ich mich mit dem Gedanken beschäftigt den Arzt anzurufen oder ihm einen Brief zu schreiben. Ich war unsicher, zweifelnd, wusste nicht, was er mit mir macht, wenn ich ihm das alles erzählen würde, was mit mir passiert, wenn das alles rauskommt, war jedoch dann - zunächst - fest entschlossen ihm zu schreiben. Meine Pflegemutter erzählte meinem Pflegevater von dem Arztbesuch und auch davon, dass im Anschluss an die Untersuchung noch ein Gespräch zwischen mir und dem Arzt stattgefunden hätte.
An diesem Abend holte er mich von der Reitstunde ab, ich spürte es gleich, er war wütend. Er fuhr mit mir an sein/unser „Plätzchen„ in dem nahegelegnen Wald, stellte den Motor ab und fragte mich, ob ich ihm was zu sagen hätte. Ich verneinte. Er schrie mich an, sagte ich solle ihn nicht anlügen. Er sagte er wüsste von diesem Gespräch und wollte nun wissen, was er mich gefragt hätte, was dort besprochen wurde. Ich erzählte gehorsam, was mich der Arzt fragte und was ich geantwortet hatte, verschwieg aber, dass er mir diese Karte gegeben hat und mir sagte, ich könne ihn anrufen. Mein Pflegevater sagte dazu nur, dass er hoffe, dass ich ihn nicht angelogen hätte, denn das würde er rausbekommen, denn er würde den Arzt kennen. Er fragte: „Oder hast du ihm ein geblasen, damit er dir die Pille verschreibt?„ und lachte schließlich. Er sagte: „Was meinst du, warum dieser Mann Frauenarzt geworden ist und junge Mädchen untersucht? Weil es ihn geil macht, weil er auf junge Mädchen steht und es in anturnt, wenn sie breitbeinig vor ihm auf diesem Stuhl sitzen!„ Seine Worte widerten mich an. Meine Zweifel mich an diese Mann zu wenden schlugen um in Misstrauen und Ekel. Ich versicherte ihm nur noch, dass ich nichts mit dem Mann gemacht hätte und da auch nie wieder hin möchte, starrte vor mich in den Fußraum des Wagens und war verzweifelt. An diesem Abend lies er mich auch in Ruhe, was ich als Belohnung empfand, Belohnung dafür, dass ich meinen geheimen „Plan„ den Arzt einzuweihen, verworfen hatte. Zu Hause angekommen, zerriss ich die Visitenkarte und war auch ein bisschen erleichtert, denn der Konflikt war für mich zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht lösbar.

In den folgenden Monaten zog ich mich immer mehr zurück, wurde immer stiller, introvertierter, litt unter extremen Asthma, hatte Phasen in denen ich extrem hungerte oder wahllos alles in mich reinstopfte, um dann alles was ich zu mir genommen hatte wieder auszuspucken. Nach dem Erbrechen hatte ich das Gefühl etwas „belastendes„ aus mir rausgespuckt zu haben. Meine schulischen Leistungen wurden schlecht, Lehrer wurden aufmerksam; insbesondere mein Kunstlehrer, der mich und mein Verhalten scheinbar schon länger beobachtet hatte, stolperte über meine Bilder in denen ich viel von dem Erlebten verarbeitet hatte; wie auch mein Deutschlehrer, der mich auf Gedichte und Texte von mir ansprach. Wie zuvor der Gynäkologe war auch mein Kunstlehrer nach mehreren Versuchen der Annäherung sehr konkret. Ich sollte nach der Stunde dort bleiben, er wollte mit mir reden. Er frage mich, wie es mir ginge; ich erwiderte: „gut„. Er sagte, dass er mir das nicht glauben würde, fragte, warum ich auch im Sommer immer lange Hosen und langärmlige Sachen trage und fragte mich dann auch ganz konkret, ob mir zu Hause oder irgendwo anders irgendjemand Gewalt antut, denn er würde mir nicht glauben, dass ich bei jedem blauen Fleck den ich hätte wirklich immer vom irgendeinem Pferd gefallen sei. Ich hätte auch hier sicher nur nicken brauchen, blickte jedoch zu Boden und schüttelte den Kopf. Er sagte mir, dass er mir das nicht glaubt. Dieser Satz des „ich glaube dir nicht„, verunsicherte mich und ich verstand es nicht als ein „auf mich zugehen„, indem er mir den Weg bahnte nur durch wenige Worte oder durch nonverbale Gestik sagen zu können, dass ich missbraucht werde, sondern empfand es als Bedrohung, Bedrängung und hatte Angst, dass er mir dann die Wahrheit ebenfalls nicht glauben würde. Ich war damals so in diesem Muster gefangen, dass ich diese Prägung alleine nicht ablegen konnte. Ich sagte ihm daraufhin das selbe wie einige Monate zuvor dem Frauenarzt, gab an einfach durcheinander zu sein und mit mir nicht gut klar zu kommen und dass zu Hause einfach viel Streit wäre. Er war freundlich und fragte mich dann, ob es vielleicht in der Schule eine Lehrerin gäbe, die ich nett fände und mit der ich über diese „Probleme„ besser reden könnte, als mit ihm und er sagte, dass er mir gerne helfen würde, nur müsste ich sagen was los wäre sonst seien ihm die Hände gebunden. Eine Lehrerin, mit der ich hätte reden wollen oder können fiel mir nicht ein. Möglicherweise lag das auch daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt mit dem Wesen „Frau„ noch weniger anfangen konnte, als mit Männern, da ich mich bis dahin mit Frauen sehr wenig auseinandergesetzt hatte. Mit meiner wahren Mutter hatte ich auch zum Zeitpunkt des familiären Zusammenlebens wenig Berührungspunkte, da ich eine kranke Schwester hatte und wir Kinder zu Hause so „aufgeteilt„ waren, dass sich meine Mutter überwiegend um meine Schwester kümmerte und mein Vater sich um mich.
In der Folgezeit versuchte ich mich in der Schule sehr konform und angepasst zu verhalten, versuchte bewusst in meine Bilder und Texte das einzuarbeiten, was ich dachte, was einen „guten Eindruck„ macht, was meine wahren Gedanken nicht verriet, jedoch verlor ich durch dieses Verhalten auch eine der wenigen Möglichkeiten mich auszudrücken, Druck abzubauen und dadurch einen Weg, ein wenig von dem, was ich zu Hause erlebte, irgendwie – zumindest in Ansätzen - zu verarbeiten.

Ich begann mich selber zu verletzen, schnitt mir mit Rasierklingen selber in die Beine, weil ich nicht wusste, wie ich den inneren Druck, meinen Selbsthass und die Autoaggressionen anders umsetzen und abbauen konnte. Ich stand unter Dauerstress, kam niemals zur Ruhe. Dieses Taubheits-/Wattegefühl, das sich während mancher Handlungen in meinem Körper einstellte dauerte manchmal nach den Taten noch über Stunden/Tage an. Wenn ich meine Haut dann selbst berührte, fühlte sie sich an wie Watte, ich hatte kein wirkliches Körperempfinden mehr und wenn ich eines hatte, dann war es Ekel. Vielleicht verletzte ich mich aber auch selber, um gehört zu werden, ein stummer Hilfeschrei; vielleicht tat ich dies aber auch nur, um mich selber für das zu strafen, was „ich„ mit den Männern machte, auch wenn ich immer noch nicht wusste, was es eigentlich an mir war, dass sie dazu zwang dies mit mir zu tun. Sonderbarer Weise machte ich mir nie klar, dass es für mich überhaupt keine Möglichkeit gab mich anders oder „konform„ zu verhalten. Ich glaube ich brauchte diese Selbstanschuldigungen auch, um noch die Chance, eines Ausweges zu sehen, denn so bestand in meinen Gedanken potentiell die Möglichkeit, dass sie aufhören, wenn ich den Weg finde mich „richtig„ zu verhalten. Wenn durch mein selbstverletzendes Verhalten Blut floss, lies dieser Druck nach. Durch den Schmerz spürte ich mich wieder, es wurde wie ein Zwang.
Dieser Zwang steigerte sich in eine Todessehnsucht, die ich nicht mehr kontrollieren konnte, die mir durch die vielen Jahre des Missbrauches in meine Seele gesät wurde, und die auch heute noch in ganz unterschiedlicher Intensität immer noch mal aufblüht. Ob ich diese jemals loswerde? Ich weiß es nicht. Ich beschäftigte mich mit dem Tod, las viele Bücher über das Leben nach diesem, flüchtete mich in meiner Vorstellung in eine Welt, in der mir niemand mehr weh tun würde, begann Gedichte zu schreiben, in der ich diese Todessehnsucht in Bildersprache ausdrücken konnte. Dieser Plan wuchs in mir, bis ich anfing mit der Umsetzung. Ich begann ganz bewusst, überall wo ich war, bei Freunden, Klassenkammeraden, bei mir zu Hause, bei den Männern wahllos alles an Medikamenten zu stehlen, die ich finden konnte. Ich ging in die Badezimmer der Eltern meiner Freunde und klaute mir dort alles zusammen, was aussah wie ein Medikament, las mir durch, was auf den Beipackzetteln stand, sofern vorhanden. Ich freute mich auf den Tag, an dem es endlich vorbei sein sollte, bereitete alles vor. Still, leise, heimlich. Ich versuchte mich vorher so unauffällig wie möglich zu verhalten, damit niemand etwas merken würde.
Der Tag kam, ich trank Alkohol, schluckte alles.
Ich dachte vorher noch an meine Familie und hatte das erste und letzte mal in meinem Leben das ganz aufrichtige Bedürfnis zu beten. Nicht „zu bitten„, denn um Hilfe gebeten hatten ich in meinen nächtlichen Verzweiflungen fast täglich, sondern zu beten. Ich betete und entschuldigte mich für alles, was ich getan oder auch nicht getan hatte; betete, dass meine Eltern und meine Geschwister das alles nie erfahren werden, da ich nicht wollte, dass sie sich meiner schämen und betete dafür, dass mein Plan gelingen würde und dass meine Freundin irgendwann meinen Brief fände und sich um das kümmern würde, was mir lieb geworden war. Manches mischte ich in Getränke, manches mischte ich unter einen Jogurt, manches schluckte ich so. Das ganze „Zeug„ in mich reinzukippen, in den Mengen war furchtbar, aber daran, mich anwidernde Flüssigkeiten zu schlucken, war ich ja nun auch seid Jahren gewohnt. Ich erinnere mich noch heute an die fürchterlichen Krämpfe die sich einstellten, ich hatte Schmerzen, mir war übel, ich hatte das Gefühl „es„ zerreißt mich. Wie lange dieser Zustand anhielt, kann ich nicht sagen.
„Wach" wurde ich auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Dort waren die Menschen sehr nett zu mir, sahen auch die Narben und Verletzungen an meinem Körper. Eine Frau vom jugendpsychiatrischen Notdienst kam in den Tagen, in den ich dort war regelmäßig und versuchte Kontakt zu mir aufzubauen. Doch ich hatte resigniert, war voller Hass, Scham, Verunsicherung. Ich hatte eine zerbrochene Seele, war verzweifelt, misstrauisch gegen jeden. Ich stellte mich stur, redete nur das nötigste. Diese unsagbare Sturheit, hat mir sicher geholfen diese ganze Zeit irgendwie zu überstehen, jedoch stand sie mir genauso oft im Weg. Mir kam in dem Moment gar nicht der Gedanke alles zu erzählen, sah in jedem, der mich auf das Thema ansprach oder der auch nur versuchte sich mir zu nähern und sei es nur in Form eines Gespräches, einen potentiellen Feind.
Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus wurde ich in die Psychiatrie eingeliefert, in der ich einige Zeit verbrachte und das gesamte Personal -scheinbar- vor Rätsel stellte. Ich hatte in meinem Leben gelernt „stark„ zu sein und vieles auszuhalten. Darin hatte ich Ausdauer. Ich hatte den längeren Atem, wenn es darum ging, tagelang nicht zu reden oder das Essen zu verweigern, auf dem Fußboden zu schlafen oder einfach nur in einer Ecke zu sitzen und alles ignorierend vor mich hinzustarren. Ich stellte mich lange stur, war für niemanden zugänglich. Versuche „Therapiegespräche„ zu führen, verliefen sehr einseitig, da ich es aushielt die ganze Stunde dort zu sitzen und nichts zu sagen. Ich verbrachte Tage in einem kleinen Sessel in meiner Zimmerecke, war in mich gekehrt und einfach nur froh, dass ich dort sitzen konnte ohne von jemanden angefasst zu werden. Das einzige, was ich tat und womit ich sicher auch versuchte meinen eigenen Sturkopf zu durchbrechen und mich nach außen hin mitzuteilen, war zu Malen und Gedichte zu schreiben. Ich beobachte sehr genau die Reaktion derer, die sich meine „Werke„ ansahen und fand so einen Weg der Kommunikation, bei dem ich eigentlich gar nichts sagte und auch niemanden anschuldigte. Sonstige verbale Annäherungen und die Versuche mich zu irgendetwas anderem zu bewegen, endeten dort bei der körperlichen Intimsphäre. Niemand berührte mich, zwang mich durch Gewalt zu etwas, diese Erfahrung war neu für mich und ich genoss es die Macht und die Kontrolle darüber zu haben, andere an mich ran zu lassen oder nicht. Es wurde wie zu einem kleinen Spiel für mich.

In der Folgezeit ging dann alles etwas „drunter und drüber„ und das nicht zuletzt deswegen, da meine wahren Eltern von meinem Zustand erfuhren und es so wieder zum Kontakt kam, zumindest kurzzeitig. In der Psychiatrie hatten die Ärzte und Psychologen durch meine Bilder und Gedichte schon begriffen, dass sexueller Missbrauch mit im Spiel war, nur machte ich so zu, dass sie den aktuellen Hintergrund des Geschehens nicht erkannten und scheinbar davon ausgingen, dass sich dieser in den Jahren vor meinem Aufendhalt in der Pflegefamilie, in meiner wahren Familie abgespielt hatte. Vielleicht wurde aus diesem Grunde der sich anbahnende Kontakt zu meinen wahren –mir fremden- Eltern von dort aus auch nicht wesendlich gefördert.
Hier war nun wieder eine Schnittstelle an der ich an bestimmten Stellen nur hätte nicken müssen, denn ich wurde dort nicht nur einmal ganz konkret und direkt gefragt, ob ich in der vergangenen Zeit missbraucht und/oder vergewaltigt worden bin. Doch wieder stellte sich bei mir das Gefühl des „ertappt- seins„ ein und ich schämte mich, hatte Angst einfach nur „ja„ zu sagen und fand zu niemanden wirklich Vertrauen. Ich beantwortete viele Fragen jedoch in meinen Bildern und Gedichten und spürte auch, dass dieses von der Grundaussage auch erkannt wurde. Das fühlte sich gut an.

Als ich aus der Psychiatrie entlassen wurde, war ich fast 18 Jahre alt. Ich zog „zu Hause„ aus, zog zu einer vier Jahre älteren Freundin in ihre Wohnung, was nach langem hin und her mit den Ärzten, Sozialarbeitern und dem Jugendamt genehmigt wurde und ich hatte in der Folgezeit Betreuung durch den jugendpsychiatrischen Dienst. Doch standen hier mehr die aktuellen Probleme des täglichen Lebens, als die Vergangenheit im Vordergrund. In Bezug auf Details meiner Vergangenheit bedrängte mich auch niemand und ich führte die Betreuer auch regelmäßig an der Nase herum, in dem ich sie in verschiedenen Situationen bewusst anlog, um meine Ruhe vor ihnen zu haben. Als ich auszog räumte ich mit meiner Freundin sehr überstürzt meine persönlichen Sachen aus dem Haus, Wir packten ein was mir gehörte, doch geriet auch die ein oder andere Sache in die Kartons, die nicht von mir war. So ein Videorekorder, der in meinem Zimmer stand und den meine Freundin zusammen mit meiner Musikanlage mit ins Auto packte. Dieser Videorekorder gehörte mir nicht, er gehörte meinem Pflegevater und in dem Gerät war noch eine Videokassette, eine von „seinen„. Dieses bemerkte ich aber erst, als ich etwa ein Jahr später meine erste eigene Wohnung bezog und die restlichen Kartons auspackte. Ich wusste gleich, was dies für eine Kassette war, wusste aber in dem Moment nicht wohin damit, packte sie in eine Bücherkiste ganz nach unten. Dort lag sie viele Jahre und zog etliche Male mit mir um.

Die Zeit der Verdrängung

Ich weiß nicht wie, aber ich beendete die Schule, machte Abitur und Führerschein. Von nun an begann eine Zeit die vorwiegend von dem verzweifelten Versuch geprägt war meine Vergangenheit mit den ganzen Geschehnissen zu verdrängen. Ich wusste nichts, aber auch gar nichts mit mir anzufangen, wusste nicht, was ich machen sollte oder wollte, war auch sicher, was den innerlichen Reifeprozess betraf, anderen, gleichaltrigen Jugendlichen nicht gewachsen. Durch glückliche Umstände bekam ich gleich nach der Schule eine Lehrstelle und absolvierte zunächst die Berufsausbildung. In meinem Tagesablauf gab es beinahe keine Minute, die nicht verplant war, damit ich bloß nie zur Ruhe fand, nie zum Nachdenken kommen konnte und so gelang es mir insgesamt fast 11 Jahre meine Vergangenheit im groben wegzudrücken. Doch in mir brodelte es und ich versuchte die folgenden Jahre mit den Folgen, die ich davongetragen habe, und auf die ich am Ende dieses Textes noch einmal kurz zu sprechen kommen möchte, Leben zu lernen. Ich arbeitete viel und genoss das Gefühl des unabhängig seins. Doch dann bahnte sicher der Zusammenbruch an.
Ich hatte einen schweren Unfall, der viele Verletzungen und einen sehr langen Krankenhausaufenthalt nach sich zog. Nun war keine Ablenkung mehr möglich, keine Arbeit, keine Uni, keine Freunde. Ich schottete mich von allen ab, wollte niemanden hören, sehen oder sprechen. Ich lag Tagein Tagaus streng im Bett und musste mich nur mit mir beschäftigen, kurzum: es kam alles hoch. Als ich nach fünf Monaten wieder zu Hause war, ging gar nichts mehr, ich stürzte in ein tiefes Loch. Ich war geschwächt, hatte konditionell und körperlich gewaltig abgebaut, meine Lunge war noch angeschlagen reagierte auf die kleinste Belastung mit schwerem Asthma. Ich war auch vollkommen aus meinem Leben, meinem Rhythmus, meiner Arbeit gerissen. In diesem Zustand wurde ich plötzlich mehr und mehr überrannt von Erinnerungen, Alpträumen, Angstzuständen, ich konnte das alles nicht kontrollieren, irgendetwas war aufgebrochen. Irgendwann kam ich an einem Punkt, da war mir nahezu alles egal. Ich war durcheinander, verzweifelt, erschöpft und überfordert mit mir, meinem Alltag und dem was nun hochkam und mich quälte. Ich konnte/mochte zu dem Zeitpunkt selber nicht wirklich glauben, dass das alles wahr ist, da ich auch nicht wusste, wie ich die plötzliche Konfrontation mit dem Thema aushalten und ertragen sollte, denn ich hatte die ganzen Jahre versucht dieses Thema zu umschiffen und hatte es so in dieser Form nicht aktuell in meinem Bewusstsein. Doch in Wahrheit hatte ich nichts vergessen, nicht einen Tag, nicht eine Handlung, gar nichts.
Irgendwann ging ich in meinen Keller und suchte diese Videokassette. Durchsuchte alle Kartons die ich dort gelagert hatte.
Warum ich mir das antun musste? Ich weiß es wieder nicht.
Sie lag ganz unten in der alten Bücherkiste. Es stand drauf „A/13„, mehr nicht. Ich nahm die Kassette mit in meine Wohnung und lief einige Tage drum herum. Ich weiß nicht, was ich damit eigentlich erreichen wollte, ich denke, ich wollte einfach nur, dass dieser Zustand indem ich mich befand endlich aufhört und alles wieder so lief wie zuvor. Ich tat die Kassette in den Videorekorder, sah mir ein Stück davon an und in meinem Kopf wurde alles wieder lebendig. Sonderbar war nur: ich fühlte zunächst nichts. Emotionslos saß ich vor dem Film. Dieser widerte mich an, aber ich hatte sonst keine subjektiven Empfindungen zu dem, was ich dort sah. Keine Träne, keine Trauer, grade so, als wäre nicht ich das Kind auf diesem Band. In der Folgezeit wuchs jedoch der Hass und die Wut in mir und ich wusste nicht wirklich wohin damit, obwohl mir schon bewusst war wo diese Empfindung eigentlich hingehörte.
Ich begriff, dass ich Hilfe bräuchte, dass ich sonst wieder an den Punkt kommen würde, an dem ich diesen Hass wieder gegen mich selber richten würde. Ich hatte Glück, bekam Kontakt zu einer Psychotherapeutin, die sich mit viel Zeit und Geduld auf mich einließ, sich mehr als es in meinen Augen „normal„ ist engagierte und ohne die ich heute sicher nicht mehr hier sitzen würde, da bin ich mir sehr sicher.
Ich begann zu schreiben. Schrieb alles auf, was an Erinnerungen und Bildern in meinem Kopf war und merkte bald, dass es ein „Fass ohne Boden„ war, denn hatte ich eine Erinnerung vorläufig abgearbeitet, kam gleich die nächste hoch. Ich schrieb es immer und immer wieder und begriff während des Schreibens und währen des Lesens meiner eigenen Worte erst wirklich, was diese Männer mit mir gemacht haben. Ich war so voller Scham, dass ich die Worte noch nicht einmal niederschreiben mochte, geschweige denn aussprechen konnte. Ich suchte irgendwann im Telefonbuch nach dem Namen meines Pflegevaters. Ich fuhr am nächsten Tag an seinem Haus vorbei, wusste nicht was stärker war, die Angst vor der Konfrontation oder die Wut, die der Motor war ihn aufzuspüren. Erst jetzt begann ich mich zu fragen, ob er in den Jahren nach mir weiter gemacht hatte, ob er sich auch an anderen Kinder vergangen haben könnte und mir war selber unverständlich, wieso ich darüber zuvor nie nachgedacht hatte, wie ich die ganzen Jahre in dieser Art und Weise funktioniert hatte. Ich fuhr noch einige Male an dem Haus vorbei, sah aber niemanden und zweifelte mittlerweile, ob die Adresse noch stimmte. Auszusteigen und auf das Türschild zu schauen traute ich mich jedoch nicht. An einen der nächsten Tage habe ich im alkoholisierten Zustand zum Telefon gegriffen und die Nummer, die im Telefonbuch stand angerufen. Es sprang ein Anrufbeantworter an und das erstemal seid vielen vielen Jahren hörte ich seine Stimme. Wie ich sie hasste. Ich legte auf, rief aber gleich erneut an, denn ich hatte mir geschworen, mich nie wieder diesem Mann zu beugen. Ich wollte ihm auf seinem Band, meine ganze Wut hinterlassen; draufsprechen, dass ich nichts von all dem vergessen habe. Doch nun, beim zweiten Versuch, ging er ran. Ich war erschrocken, sagte erst nichts. Erst als er wiederholt nachfragte, wer dort sei, sagte ich meinen Namen. Zunächst war Schweigen am anderen Ende. Dann war ich erneut von seiner Abgebrühtheit wie vor den Kopf geschlagen. Er sage: „Hallo Kleine, dass ich ja nett, dass Du dich mal wieder meldest, ich dachte schon, Du hast mich vergessen!„ und ich stellte mir sein zynisches Grinsen dabei vor. Ich sagte ihm, dass ich nichts vergessen hätte, dass ich ihn hasse und dass er so einfach nicht davonkommt. Woher mein Mut kam? Ich weiß es nicht, es muss die Wut in Verbindung mit dem Alkohol gewesen sein. Er unterbrach mich, nahm mich nicht wirklich ernst. Fragte, was ich denn grade für ein Problem hätte, dass wäre doch nun alles schon so lange her und er würde mir nicht raten ihm zu drohen, außerdem hätte ich nichts gegen ihn in der Hand. Oh doch, dass hatte ich. Die Kassette und das sagte ich ihm und legte auf. Ich habe heute keine Ahnung, was an diesem Abend in mich gefahren ist, warum ich das alles getan hatte. Natürlich lies er mich in der Folgezeit nicht in Ruhe, was sicher auch verständlich war und was man von ihm vielleicht auch nicht ernsthaft erwarten konnte. Im Gegenteil, ich denke, es wäre sonderbar gewesen wenn ihn das nicht interessiert hätte. Er wollte sich mit mir treffen, steckte mir Postkarten in den Briefkasten, wollte angeblich die „Sache„ mit mir aussprechen. Mir machte das wahnsinnige Angst, war ja aber selber Schuld an dieser Wendung. Andererseits änderte es nicht viel an meinem Zustand, denn ich lebte zu der Zeit eh mehr in der Vergangenheit als in der Realität. Die Therapeutin war besorgt, wollte, dass ich mir zumindest einen Anwalt nehme, mich schütze oder die Polizei hinzuziehe. Die Situation Spitzte sich zu, er stand irgendwann vor meiner Wohnungstür, wollte mit mir „reden„, wollte verständlicherweise „sein Videoband„ zurück. Diese Begegnung führte zu Eskalation der Situation, er war gewalttätig, ich war allein, unvorbereitet, ihm körperlich nicht gewachsen, auch heute bin ich es nicht. Er klingelte an meiner Wohnungstür. Woher er wusste, dass es meine war weiß ich nicht, denn ich habe außen kein Namensschild angebracht. Da die Eingangstür in diesem Haus Abends immer verschlossen war, machte ich auf, da ich dachte, dass es sicher jemand aus dem Haus wäre, der etwas von mir wollte. Als ich begriff, wer dort stand hatte er schon den Fuß in der Tür. Er hat sich nicht wirklich verändert, auch heute ist er noch größer als ich und mir körperlich überlegen. Er wollte das Videoband. Es kam zum Streit, zu Handgreiflichkeiten, er war aggressiv, angetrunken und roch noch immer nach dem selben unangenehmen Aftershave wie damals. Ich war nur mit einem Trainingsanzug bekleidet, stand irgendwie wie unter Schock, wusste in dem Moment nicht, wie ich mich verhalten sollte, war überfordert, fiel in meine „Mausestarre„.... Kurzum: diese Begegnung, diese Auseinandersetzung verlief und endete nicht viel anders als die damaligen, es kam zu einer Vergewaltigung. Da die Tür nicht ins Schloss fiel und die Auseinandersetzung in ihrer Lautstärke scheinbar im Treppenhaus zu hören war, riefen besorgte ältere Nachbarn die Polizei hinzu, was schließlich dazu führte, dass das Strafverfahren ins Rollen kam.

Das Verfahren

Ich nahm mir einen Anwalt. Sonderbarer Weise suchte ich Rat bei einem Mann, nicht bei einer weiblichen Anwältin. Ich hatte das Bedürfnis nach Schutz, suchte jemanden der vor mir steht, von dem ich weiß, dass er ihm gewachsen ist und dass sich mein Pflegevater anderen Männern unterordnete, hatte ich früher ja erlebt. Dennoch, war ich voller Misstrauen, wusste nicht, wie ein Mann mit diesem Thema umgeht, wie er reagiert, wenn er diese Videos sieht. Mir war zwar schon bewusst, dass ein „normaler„ Mensch oder Mann bei dem Anblick solcher Bänder nur angewidert sein kann, doch ist es schlicht und einfach pornographisches Material und vielleicht kann es ein Mann unter Umständen gar nicht wirklich steuern, ob ihn solche Bilder „anturnen„ oder nicht. Kurzum: ich war unsicher, hatte aber dennoch das Gefühl, dass ich mich mit einem männlichen Anwalt sicherer fühle. Der erste Termin war recht kurz. Ich ging hin, hatte Angst kein Wort rauszubekommen, erzählte ihm recht kurz worum es ging, was aktuell geschehen war. Er wollte zunächst einiges wissen, über meine Situation, über den Mann, ob und woher ich ihn kenne, ich hatte das Gefühl, dass er sehr souverän, sachlich aber ernst mit dem bisher mitgeteilten umging, was mich sehr, sehr beruhigte. Dennoch wusste ich nicht wirklich, wie ich ihm nun die ganzen Zusammenhänge in so kurzer Form so erklären konnte, dass er mir glaubt, dass er es versteht und es für ihn einen Sinn ergibt. Ich sagte ihm, wer dieser Mann war und dass ich solche Übergriffe von früher kannte und gab ihm das Band und bat ihn es sich anzusehen.
Am nächsten Tag rief er an, wollte am selben Tag noch ein Gespräch. Ich war erleichtert zu sehen, wie aufgebracht er war, er ist selbst Vater von zwei Mädchen. Er hatte von dem Band schon zwei Kopien gemacht. Eine sollte bei ihm verbleiben, eine bei mir und eine sollte zur Staatsanwaltschaft. Er wirkte sehr strukturiert, dominant, sehr sicher, ernst, selbstbewusst, zuversichtlich, sagte, es sei selten, dass man solche Beweise in den Händen hat. Möglicherweise habe ich aus diesem Grunde das Verfahren im folgenden auch als nicht so belastend empfunden und nicht in dem Maße darunter gelitten, wie es andere Opfer sicher tun wenn sie sich durch viele kritische Gespräche quälen und sich unter Umständen einer Glaubwürdigkeitsbegutachtung stellen müssen. Zunächst besprach er mit mir rein praktische und banale Vorgehensweisen, Dinge, die selbstverständlich sind auf die ich aber in meinem derzeitigen Zustand selber nicht kam. Ich sollte mir ein Handy und einen Anrufbeantworter zulegen, diesen von einem Mann, einem Freund besprechen lassen und sonderbare Anrufe nicht löschen, sondern abspeichern. An meinem Türschild sollte ich einen zweiten Namen schreiben, damit es den Anschein hatte, dass ich nicht alleine wohne, die Wohnungstür bekam noch eine Sicherheitskette. Ich sollte Menschen mit einweihen und mich bei ihnen abmelden, wenn ich wegfahren sollte, sollte ansonsten alles über ihn laufen lassen. Meine Nummer wurde bei der Auskunft gesperrt, ebenso die Adressenauskunft beim Einwohnermeldeamt. Die Postkarten, die mir mein Pflegevater hat zukommen lassen kamen mit zu seinen Unterlagen und er sprach mit mir noch einmal über den weiteren Ablauf, sagte mir auch noch einmal, dass ich mich an ihn wenden solle, wenn ich in Bezug auf dieses Thema irgendwelche Post bekäme oder zu irgendeiner Vernehmung geladen werden sollte. Er erklärte mir noch mal den Ablauf der Nebenklage und meine Rechte, die ich dadurch habe und er gab mir auf über meinen Hausarzt die Krankenunterlagen des Psychiatrieaufenthaltes und wenn möglich auch von anderen Arztbesuchen aus dieser Zeit anzufordern und mir zu überlegen, wer im weiteren noch als Zeuge in Frage käme.

Vernehmungen hatte ich drei an der Zahl. Eine direkt bei der Staatsanwaltschaft und zwei weitere in den Räumen der Kriminalpolizei. Bei allen dreien war mein Anwalt auf meinen Wunsch dabei, was scheinbar nicht immer üblich ist und von der Polizei auch nicht gestattet werden muss. Bei der einen polizeilichen Vernehmung war zusätzlich ein Polizeipsychologe zugegen, der jedoch –zum Glück- mehr beobachtend in der Ecke saß und sich selber sehr zurückhielt. Welche Aufgabe er genau hatte war mir nicht wirklich klar, war mir in dem Moment aber auch nicht wichtig.
Die Vernehmungen an sich waren furchtbar für mich. Schon der Weg rauf zur Kriminalpolizei, durch gesicherte Türen die hinter uns verschlossen wurden, war in meiner damaligen Situation und Verfassung irgendwie beängstigend, denn bis dahin hatte ich mit der Institution „Polizei„ noch nichts zu tun gehabt. Befragt hat mich eine Polizistin, sie nahm sich viel Zeit, war geduldig, dennoch sehr direkt und sachlich, was für mich nicht einfach war. Im Großen und ganzen war es aber in Ordnung und aushaltbar, sodass auch dass eine Situation war, die sicher bei weitem nicht bei jedem Opfer so rücksichtsvoll abläuft. Zunächst ging es allgemein um die Situation, darum, warum ich in die Familie kam, wie alles anfing, wie meine Beziehung zu ihm war, wie ich seine Beziehung zu seiner Frau empfunden habe. Fragen zu seinen sozialen Kontakten, seinen Freunden, seinen Interessen; ja ich wurde selbst gefragt was für ein Auto er damals fuhr, welche Farbe etc.. Fragen zur Schule, zu meinen Freunden, zu Ärzten bei denen ich in der Zeit gewesen bin und auch Fragen dazu, ob und warum ich mich niemanden mitgeteilt habe. Es wurde erst einmal grob der Rahmen gesteckt, bevor es an Einzelheiten und an Detailfragen ging. Ich war sehr unsicher, weil vieles in meinen Erinnerungen einfach sehr unsortiert war und auch immer noch ist. Ich merke, dass sich manche Situationen vermischen und ich mir manchmal nicht sicher bin, wann was genau wie war. Ich wunderte mich, dass überhaupt irgendjemand mit meinen Erzählungen etwas anfangen konnte, denn mir fielen zu bestimmten Situationen andere Begebenheiten ein, die aber in diesem Moment gar nicht dazugehörten und so ging zu Beginn – nach meinem Empfinden- alles etwas „kreuz und quer„ und ich hatte wahnsinnige Angst, dass man mir nicht glaubt, da ich mir in diesem Moment manches selber nicht glaubte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen dafür, ihn in dieser Weise anzuschuldigen und merkte, dass ich oft vieles relativierte und Sätze sagte wie: „ Naja, aber ich habe ihn ja auch provoziert„, „ich habe mir ja auch keine Hilfe geholt„, „ich habe mich später ja auch nicht mehr wirklich gewehrt„. Sätze von denen ich immer Angst hatte, dass andere sie mir entgegenwerfen, warf ich in meiner Unsicherheit selber in die Runde und ärgerte ich mich maßlos über mich selber, denn heute weiß ich, dass es nicht so war, aber in dem Moment habe ich es wieder so empfunden. Ich war bei manchen Begebenheiten selber unsicher, ob meine Wahrnehmung stimmte, ob ich alles richtig erinnere und nicht etwas verwechsle oder vermische. Dazu kam, dass meine Sicht der Dinge eine ganz andere war, als die, die ich nun schildern sollte, dass wurde mir bewusst bei der Konfrontation mit den Videos. Auf den Bändern sah ich Dinge, die ich nie hätte erzählen können, weil ich sie nicht wahrgenommen hatte und manche auch nicht wahrnehmen konnte. Es war „deren„ Sicht der Dinge; meine sicht der Dinge hatte einen ganz anderen, viel emotionalern Horizont. Ich erinnere mich an Stimmen, an Gerüche, an die Angst die ich hatte, an das, was in mir passierte und an Geräusche. An das ticken einer Uhr an der Wand, ein Auto das draußen vorfuhr, das zischen von Bierflaschen, das Geräusch von sich öffnenden Hosenreißverschlüssen oder Druckknöpfen... Ich erinnere mich an mein Gefühl der Angst, Ohnmacht des Ausgeliefert seins, erinnere mich an Schmerzen und daran, wie und wo sie mir diese zufügten, aber zum Beispiel nicht mehr daran, womit sie es taten und wer es genau war. Das war für mich damals in der konkreten Situation zum überleben nicht wichtig, ist aber heute für ein Strafverfahren eine der Kernfragen. Ich erinnere mich an Dinge in Räumen, Kleidung die sie trugen, an Begebenheiten, die vollkommen unwesentlich und unwichtig sind, die sich aber aus irgendeinem Grund in meinem Gedächtnis eingebrannt haben. Die Farbe der Fliesen im Badezimmer, die Anzahl der Fransen an der Teppichkante im Wohnzimmer. Ich erinnere mich an manche Sätze die sie sagten wörtlich. Andererseits kann ich zu manch wichtigen Dingen, Dingen von denen man denken könnte, dass man so etwas weiß, nichts sagen. Das verunsicherte mich selber maßlos und ich begann selber meine eigenen Worte, Erinnerungen und Wahrnehmungen anzuzweifeln. Das Gefühl war furchtbar für mich, da meine ganze Kindheit über mit von der Angst geprägt war, dass mir niemand glauben wird. Nun waren dort Menschen, die bereit waren mir zu glauben und nun glaubte ich mir selber nicht mehr. Ich hatte Angst meine eigenen Zweifel und Schuldgefühle zu benennen, da ich dachte, dass sie spätestens sicher dann misstrauisch werden würden und mir spätestens dann nicht mehr glauben, denn warum sollte ich Schuldgefühle und Zweifel haben, wenn meine Aussage wahr ist. Zudem bin ich auch sicher nicht frei von subjektiven eindrücken und Empfindungen, die sicherlich auch dazu beitragen, dass sich Begebenheiten für mich vielleicht doch etwas anders darstellen, als sie tatsächlich waren. Die Vernehmungen waren anstrengend, beschämend, aber menschlich gesehen in Ordnung. Zwei mal legte mein Anwalt eine „Zwangspause„ ein, ansonsten wurde ich auch immer wieder gefragt, ob ich eine Pause möchte und in einigen Pausen und am Ende der Gespräche fragte der Polizeipsychologe, ob alles soweit o.k. ist, oder ob er was für mich tun könnte. „Mich bloß in Ruhe lassen und es tunlichst unterlassen mir irgendwelche Fragen zu stellen„ dachte ich in meinem Sturkopf nur, aber sicher gibt es andere Opfer, die für eine solche Frage dankbar gewesen wären. Hätte ich „meine„ Psychologin dabei gehabt, hätte ich sicher einiges loswerden wollen und mich vielleicht auch getraut ihr meine eigenen Zweifel zu benennen, aber dieser fremde Mann tat gut daran, einfach auf Abstand zu bleiben, obwohl ich im nachhinein glaube, dass mir die Anwesenheit schon geholfen hat, da ich dadurch das Gefühl hatte, das dort vielleicht jemand sitzt, der meine Verwirrtheit und das Durcheinander meiner Worte versteht und nachvollziehen kann. Meinem Pflegevater wurde zunächst festgenommen, kam in Untersuchungshaft. In seinem Haus wurden noch Bänder und Fotos sichergestellt, Bänder und Fotos von mir und von anderen Kindern. Das von mir auch Fotos gemacht wurden, war zum Beispiel etwas, was ich gar nicht erinnere, davon habe ich nie etwas mitbekommen. Er war umfassend geständig, was im nachhinein strafmildernd berücksichtigt wurde. Durch seine Aussagen hatte er scheinbar mit dazu beigetragen, dass in den folgenden Wochen in dieser Stadt und der Umgebung, ein „Kinderpornoring„ aufgeflogen war, mit weiteren Einzelheiten dazu habe ich mich bisher aber noch nicht weiter beschäftigt. Ob ich das irgendwann möchte? Ich weiß es nicht. Im Moment möchte ich die Bereiche die mich betreffen einfach gerne erst mal ruhen und sacken lassen.
Der weitere Gang des Verfahrens verlief dann relativ autark und ich habe mir alle Mühe gegeben meine Tage so zu organisieren, dass sich kaum die Möglichkeit ergab mir darüber und über den Termin der Verhandlung Gedanken zu machen. Ich meldete mich zum Examen an und das, obwohl ich zuvor kaum zum lernen fand und durch meine unfallbedingte Krankheitszeit vollkommen aus der Materie rausgeworfen wurde. Doch ich wurde durch den aufkommenden und immer stärker werdenden Druck so abgelenkt, dass ich das Verfahren kaum präsent hatte. Um so mehr war ich überrascht und erschrocken, dass ich nach ca. sieben Monaten, kurz vor den schriftlichen Prüfungen die Ladung zur Hauptverhandlung bekam. Dass es dann letzten Endes so schnell ging, habe ich weder erwartet noch gehofft, denn ich hatte Angst davor. Die Verhandlung war für mehrere Sitzungstage angesetzt; an einem sollte ich anwesend sein, an einem weiteren erreichbar. Da er umfassend gestand und sich scheinbar bereitwillig auf die ihm gestellten Fragen einließ, blieb mir in der Hauptverhandlung eine erneute Vernehmung erspart, was in solchen Fällen sicher auch eher die Ausnahme ist, zumindest könnte ich es mir vorstellen.
Das Urteil lautete : „achteinhalb Jahre ohne Bewährung mit der anschließenden Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung„ .
Zu seinen Gunsten sprach unter anderem, dass nicht „nur" sexueller Missbrauch stattfand, dass er sich ansonsten auch „gekümmert„ hat und dass er nach Ansicht des Gutachters im Rahmen seiner Persönlichkeitsstörung eine enorme Kraft dahinein investiert haben muss, seine „ihn quälenden„ Tötungsphantasien nicht umzusetzen. Das Gutachten beschäftigte sich sehr intensiv mit seiner, von Vernachlässigung und emotionalen Missbrauch geprägten kindlichen Entwicklung, sowie seiner gestörten emotionalen Bindung zu seiner, als sehr dominant beschriebenen Mutter. Es war die Rede von ständigen Misserfolgen, Beziehungsstörungen, Versagens- und Verlustängsten, die sich scheinbar schon vor meiner Zeit, bedingt durch seine, im Kindesalter schon angelegte sehr große Gewaltbereitschaft, immer wieder in unfassbaren externen Gewalttätigkeiten entladen haben. Er habe wohl schon als Kind gefallen daran gefunden zum Beispiel Tiere zu quälen und sich an schwächeren abzureagieren. Aus dem Gutachten ging hervor, dass er zwar grundsätzlich die Fähigkeit hat, sein Verhalten im nachhinein zu reflektieren, dass er jedoch auf Grund seiner Persönlichkeitsstörung in der konkreten Situation scheinbar nicht in der Lage war/ist, sich diesen krankhaft reaktiven, impulsiven Trieben zu entziehen. Gesehen wurde von dem Gericht, dass ihm - nach seinen Einlassungen - die Missbrauchsituation in Bezug auf die anderen Täter scheinbar außer Kontrolle geraten ist, da er versicherte, dass er das in der Form selber nicht gewollte habe. Jedoch wurde diese Einlassung nicht zu seinen Gunsten gewertet, da er es trotzdem zugelassen und durch aktives Tun gefördert hat ,und es ihm aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten zuzumuten gewesen wäre, sich in Bezug auf seine pädophilien Neigungen und seiner Gewaltbereitschaft therapeutische Hilfe zu holen. Strafmildernd wurde berücksichtigt, dass er umfassend geständig war, das Verfahren dadurch nicht verzögert hatte, andere Verfahren durch seine Kooperation beschleunigte und mir dadurch unter anderen mir eine erneute Vernehmung ersparte. In Bezug auf die Tatsache, dass er in der Verhandlung scheinbar nicht wirklich glaubhaft Reue zeigen konnte wurde berücksichtigt, dass dieses nach dem Maß der diagnostizierten Persönlichkeitsstörung nicht ernsthaft zu erwarten war. § 21 StGB kam zur Anwendung.
Bei der Urteilsverkündung war ich nicht zugegen, was nun sicherlich viele verwundern mag, aber ich konnte es nicht. Ich hatte wahnsinnige Angst zu Hören, was die Richter darüber denken, hatte Angst davor, dass sie vielleicht Verständnis für ihn haben könnten, denn jedes entlastende Argument in dieser Art und Weise hören zu müssen, hätte sich für mich -ganz subjektiv- wie eine Verurteilung meiner Person und eine Relativierung und Verharmlosung meiner Erlebnisse angefühlt. Ich hatte Angst davor, vor allen Anwesenden durch das Urteil und seine Begründung gedemütigt zu werden und dieses hinnehmen, ertragen zu müssen, ohne eine Chance zu haben mich in diesem Moment dagegen wehren zu können. Diese Menschen dort wussten alles aus meinem Leben, haben mich nackt gesehen, gesehen wie man mich quälte. Diese Menschen dort hatten alle Macht der Welt mir unsagbar weh zu tun. Am meisten Angst hatte ich jedoch davor, dass er aus dieser hoffentlich letzten Begegnung wieder als Überlegener herausgeht. Nach der Urteilsverkündung hatte ich einen Termin mit meinem Anwalt. Er nahm sich viel Zeit das alles mit mir durchzugehen und zu besprechen, was mir sehr gut tat. Aus seinem Munde konnte ich das alles ganz gut ertragen, und ich war froh, dass ich mich nicht gezwungen habe dort hinzugehen. Das Urteil mit seiner Begründung wurde mir nicht lange nach der Verhandlung zugeschickt, und auch wenn es für manche vielleicht unverständlich ist, so muss ich zugeben, dass ich es auch heute noch nicht im ganzen gelesen habe.

Wenn ich mich jetzt im nachhinein frage, ob und was es mir gebracht hat, ob ich froh darüber sein kann, dass er nun bestraft wird, dann muss ich sagen: „ich weiß es nicht„.
Ganz objektiv bin ich sicher der Meinung, dass er ein „Schwein„ ist und ich bin froh und erleichtert, dass es das Gericht auch so gesehen hat und das zumindest er nicht weiter missbrauchen und quälen wird. Und wenn ich ehrlich bin, hoffe ich zutiefst, dass er nach der verbüßten Haftstrafe bis zu seinem letzten Tag in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung verbleiben wird. Aus meinen Erfahrungen mit diesen Männer heraus, denke ich persönlich, dass solche Neigungen weder heilbar noch „wegtherapierbar„ sind, eben weil diese sexuelle Triebe für diese Menschen scheinbar nicht kontrollierbar sind und sie weder in der Haft, noch in der Therapie mit den entscheidenden Faktoren, mit den Reizen, die diese Triebe in ihnen auslösen, nämlich mit Kindern, konfrontiert werden, sodass sie, selbst wenn sie den aufrichtigen Willen dazu hätten, nirgens „üben„ könnten, solche Konfliktsituationen zu überwinden, ohne diesen Trieben nachzugeben. In der Realität steht sicherlich die überwiegende Zahl der Sexualstraftäter, trotz offizieller Integrationsmaßnahmen, nach einer verbüßten Haftstrafe wieder allein vor solchen Situationen und werden dann möglicherweise wieder Rückfällig. In meinem subjektiven Empfinden bin ich jedoch zerrissener. Nach dem Verfahren setzte eine große Leere in mir ein. Das Verfahren war abgeschlossen, die Akte wird geschlossen, aber für mich persönlich ist gar nichts beendet, für mich geht der Horror - in meinem Kopf- weiter. Ich habe das Gefühl, dass ich mich mein ganzes weiteres Leben mit den Folgen der Taten, mit meiner Vergangenheit und auch mit „ihm„ auseinandersetzen muss, dass das sicherlich niemals enden wird. Ich habe das Gefühl, dass ich ihm nicht mehr grollen darf, da er ja nun „büßt„. Eine Freundin sagte mir dazu, dass ich das Wort „büßen„ für mich anders definieren müsse, denn „büßen„ hätte an sich etwas mit einem freiwilligen, von Einsicht und Reue geprägten „Buße tun„ zu tun und das ist bei ihm ja nicht der Fall. Dennoch hatte ich das Empfinden, dass nun seine Strafe das Unrecht wieder aufwiegen sollte und ich wusste im folgenden nicht wohin mit meiner Wut und meinem Hass. Vielleicht liegt dieses Empfinden auch mit daran, dass ich mich von den gut einkonditionierten Schuldgefühlen noch nicht wirklich lösen kann und es mir aus diesem Grund einfach schwer fällt zu begreifen, dass ihm der Staat seine Taten, nach verbüßter Strafe - zwar nicht vergessen aber- vergeben kann und ich dennoch das Recht habe, diese Art der „Vergebung„ nicht zu teilen. Diese Freundin sagte mir dann jedoch weiter:„ mach dir mal Gedanken darüber, ob du ihm nicht trotzdem vergeben musst. Nicht wegen ihm. Nicht weil er (s)eine Strafe bekommen hat. Nicht weil es damit gesühnt wäre. Nicht weil du kein Recht hättest ihn weiter zu hassen, sondern um deinet Willen, nur damit du mit dir Frieden schließen kannst, damit dieser Mensch in deinem Leben keine so große Rolle mehr spielen muss, damit du anfangen kannst in die Zukunft zu blicken„. Ob das für mich der richtige Weg sein wird? Ich weiß es noch nicht.
Auch wenn es für viele vielleicht wenig verständlich ist, so ist dieser Mann ein Teil meines Lebens, eines Lebens, das sich nicht Löschen lässt. Und auch wenn er es nicht Wert ist, dass er in der Zukunft noch eine Rolle in meinem Alltag spielt, so werde ich genau dieses nicht ändern können, denn schon bei jedem Blick in den Spiegel sehe ich an meinem Körper Narben, die er mir zugefügt hat. Zwischen uns ist in den Jahren des Missbrauches eine „Beziehung„ entstanden, die eine eigene Dynamik entwickelt hat. Auch wenn diese „Beziehung„ nicht gut war, so war es doch etwas sehr intensives, denn ich habe mich in meinen jungen Jahren so intensiv mit seinem kranken Geist auseinandergesetzt, dass ich glaubte zu verstehen wie dieser Mann fühlt und denkt. Ich kenne seine grausamen Seiten, seine perversesten Gelüste und Phantasien, seinen Hass. Ich habe seine Unbarmherzigkeit erfahren, die Freude gesehen und gespürt, die er am Quälen und demütigen hat. Aber ich kenne auch seine tiefsitzenden Ängste, seine Verzweiflungen, seine Defizite. Ich kenne seine Alpträume, kenne Dinge aus seinem Leben und seiner Geschichte, Einzelheiten aus seinem kranken Geist, die außer uns beiden sicher niemand kennt. Ich kenne auch weiche Züge an ihm, kenne seine Einsamkeit, seine Sehnsucht akzeptiert zu werden, seine Sehnsucht nach Nähe, die er scheinbar nicht erträgt und zerstören muss. Ich hasse ihn, aber es gibt auch Momente, da habe ich Mitleid mit diesem „Menschen„, da fühle ich mich auch heute noch verantwortlich für ihn und seine Taten an mir.

Ich spüre, dass es mir nicht gut tut in der Form über ihn nachzudenken, weil er es nicht verdient hat, weil solche Gedanken dann in mir dann eben dieses Mitleid für ihn wecken, auch wenn das niemand versteht.

Was mir gut tat war/ist die Tatsache, dass ich den Teufelskreis des Schweigens durchbrochen habe und dass ich erfahren habe, dass man(n) mir glaubt. Dass es Menschen gab die sagten: „Du hast keine Schuld an dem, was man(n) mit dir gemacht hat und wichtig war auch, dass es Männer waren, die mir das signalisierten. Wichtig ist, dass er für mich nicht mehr das übermächtige Monster ist, sondern dass ich ihn ganz klein und gefügig erlebt habe, dass ich diejenige war, die aus unserer - hoffentlich- letzten Begegnung nicht als Unterlegene herausgegangen ist. Dieses Gefühl hat sicher auch etwas mit Macht und der Umkehr von Macht und/oder Machtspielchen zu tun, sodass dieses Gefühl bei mir nicht nur gute, sondern durchaus auch sehr gespaltene Empfindungen auslöst.
Wichtig für mich, für meine Seele war auch, dass er – auch wenn er es nicht aus Reue oder um meinetwillen tat- geständig war, denn dadurch, dass er vor allen seine Schuld eingestand, hat er mir von meinen, mir gut eingeprägten Schuldgefühlen einen großen Teil abgenommen und für mich die Sicht mancher Dinge ein wenig grade gerückt.

Wenn ich jetzt einen Blick in die Zukunft wagen soll, könnte ich eigentlich den Bogen zurück schlagen, zurück zu einen meiner eingangs geschriebenen Sätze und sagen: „ ganz objektiv bin ich eine Frau, die nun mitten im Leben steht„. Ich habe eine Berufsausbildung, den ersten Teil des Studiums abgeschlossen, stehe auf eigenen Füßen, habe Freunde und sicherlich noch einen großen Teil meines Lebens vor mir. So ist es aber nicht. Sicher geht es mir objektiv betrachtet heute gut, vielleicht sogar besser als anderen. Doch habe ich durch die ersten 20 Jahre meines Lebens Folgen davon getragen, von denen ich nicht weiß, ob ich langfristig mit diesen leben kann und möchte. Ich bin sicher ein Mensch, der aufgrund seiner Vergangenheit im zwischenmenschlichen Bereich noch keine 35 Jahre ist, habe in diesem Bereich noch einiges aufzuholen. Ich weiß nicht, ob ich in meinem Leben jemals fähig sein werde eine normale und gesunde Beziehung zu führen, eine Beziehung in der zum Beispiel auch „gesunde„ Sexualität sein darf, ohne dass ich darunter leide, denn ohne dieses geht es nun mal nicht, da gibt es wenig alternativen. Es ist nicht so, dass ich nach dieser Zeit keine Beziehungen zu Männern gehabt hätte, doch waren dieses meist sehr destruktive Menschen, was sicherlich auch verwundert, dass ich mir immer wieder solche Partner aussuchte. War es mal nicht so, lernte ich jemanden kennen der es ehrlich mit mir meinte und sicher auch bereit gewesen wäre mir Zeit und Verständnis entgegenzubringen, so musste ich feststellen, dass ich bisher nur ein gewisses Maß an aufrichtiger Nähe ertragen konnte. In der Regel habe ich Beziehungen, in der eine solche Nähe entstand oder sich zumindest anbahnte gleich beendet, sodass ich sagen muss: „ich denke ich bin zu keiner gesunden Beziehung fähig„. Ich bin ein Mensch, der Misstrauen, Selbsthass und Zweifel in sich trägt, was ich sicher nie ganz ablegen werde.
Ich habe mir lange Gedanken um die Theorien gemacht die besagen, dass in jedem Opfer durch die Viktimisierung auch Täteranteile entstehen und wachsen und so schwer es auch ist sich so etwas selber einzugestehen, so sehr kann ich diesen Gedanken nachvollziehen.
Ich denke nicht, dass ich jemals in irgendeiner Form zum Täter werde, denn heute schlage ich noch nicht einmal eine Fliege tot, sondern fange sie ein und setzte sie raus. Aber was bedeutet das schon. Mein Pflegevater half auch Schnecken über die Strasse, damit sie nicht überfahren werden. Grundsätzlich denke ich, dass es auch eine Frage von Charaktereigenschaften ist und ich glaube, dass ich eher der Typ Mensch bin, der im Zweifel seine Aggressionen gegen sich selber richtete, der also grundsätzlich eher sich selber das Leben nehmen würde, bevor er anderen etwas antut, ohne das ich nun in diesem Moment suizidale Absichten hätte. Sicher gibt es auch Menschen, die in solchen Situationen ihre Aggressionen vorwiegend extern entladen, möglicherweise sind solche Menschen eher gefährdet zum Täter zu werden, aber das kann ich nur vermuten. Es ist halt so, dass ich nie gelernt habe wo Grenzen sind, habe nie gelernt eigene Grenzen zu stecken und wenn ich es mal versuchte, wurden sie eingerannt. Auch wenn es sicher sehr individuell ist, so habe ich kein Gespür dafür, was im zwischenmenschlichen Bereich „normal„ ist, was man als Erwachsener zum Beispiel Kindern gegenüber an Nähe geben darf und was nicht. Bei mir führt es dazu, dass ich solche Nähe dann kaum zulassen kann, bei anderen führt es möglicherweise dazu, dass sie Grenzen, die sie nicht sehen überschreiten und so Opfer einer Dynamik werden die ich in meiner Kindheit mit meinem Pflegevater erfahren musste.
Wenn ich mich im Zusammensein mit den kleinen Kindern meiner Freundin beobachte, dann spüre ich eine ganz extreme Unsicherheit. Es ist nichts dabei ein Kind das traurig ist in den Arm zu nehmen oder es nach dem Baden abzutrocknen, wenn es dies möchte, aber ich kann dies nur schwer, weil ich nicht weiß, nie gelernt habe, wo hier Grenzen sind. Das verunsichert mich maßlos, sodass ich solche Nähe mehr als Bedrohung und weiniger als angenehm empfinden kann, was bei mir zum Rückzug führt. Bei anderen Opfern – wie bei meinem Pflegevater- führt dieses aber vielleicht dazu, dass sie den Zwang entwickeln diese Bedrohung zu zerstören, sich ihrer zu bemächtigen, wie er es mit mir gemacht hat. Was mir die Zukunft bringt und wie lange sie währt kann ich heute nicht sagen. Sicher habe ich noch eine lange Therapiezeit vor mir und ich bin auch mit eiserner Härte und viel Selbstdisziplin dabei, mich meiner Vergangenheit, den Folgen und meiner eigenen Fehler zu stellen und daran zu arbeiten. Das ist für mich kein leichter Weg, doch im Moment gehe ich ihn in der Hoffnung, irgendwann einmal ein normales Leben führen zu können.

„Er„ hat das Urteil hingenommen, kein Rechtsmittel eingelegt, sicher wohlwissend, dass über ihn in dieser Verhandlung wohlwollend gerichtet wurde, dass er mit diesem Urteil, nicht zuletzt durch das psychiatrische Gutachten und seiner Kooperation „gut weggekommen„ ist.
Ich habe das Urteil so hingenommen, da ich für ein erneutes Verfahren keine Kraft gehabt hätte und da ich zu dem Schluss gekommen bin, dass mir ganz persönlich heute nicht dadurch geholfen wird, dass er statt der achteinhalb Jahre möglicherweise, nach einer weiteren Verhandlung, noch längere Zeit in Haft bleiben muss.

Für mich persönlich war das Gefühl wichtig mich gewehrt zu haben, um vom Kopf her wenigstens zu begreifen, dass ich keine Schuld daran habe, dass das mit mir gemacht wurde. Diese Erkenntnis umzusetzen, meine Vergangenheit so wie sie ist anzunehmen und irgendwann vielleicht einmal in einer Art und Weise so weglegen zu können, dass sie nicht mehr in der Form mein Leben bestimmt, wird nun sicher eine Aufgabe, ein Prozess sein, der mich die kommenden Jahre beschäftigen wird und muss. Ob mir das gelingen wird und ob ich irgendwann vielleicht zu einem friedvollen Leben finde, kann ich im Moment abschließend noch nicht sagen.

Ich würde mir wünschen, dass ich mit diesem Text vielleicht den ein oder anderen Leser nachdenklich machen konnte, denn insbesondere das Strafrecht darf sich - nach meiner Meinung- im Ergebnis nicht in der nüchternen Subsummtion eines Sachverhaltes unter eine Norm erschöpfen, da man auf beiden Seiten in vielen Fällen, egal auf welche Seite man sich später einmal positionieren wird, über Menschenschicksale entscheidet. Sicher haben viele Täter lange und harte Strafen zu verbüßen. Ob dieses im Einzelfall immer gerechtfertigt ist, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen. Doch auch viele Opfer von Gewalttaten haben durch die Tat und ihre Folgen in Jahr und Tag „lebenslänglich„.